Inland

Der kommende Aufstand

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Mehr als alles andere fürchte ich menschliche Dummheit. Sie ist mir an sich zuwieder, egal ob sie von Rechts oder von Links kommt. Früher kam sie seltener von Links, heute …. scheint sie auch dort gesellschaftsfähiger zu werden und ihre Fakten- sowie Geschichtsresistenz in vollem Umfang auszuleben. So verblüffte es mich nicht, das man heute Esoterik und Faschismus in einen Topf wirft, wo doch Faschisten Gesundbeter und (fähige)Astrologen in KZ´s gesteckt hatten. Der materialistisch organisierte Faschismus mit Nationaltünche war … religiös aber nicht esoterisch. Das stört manche linke Dummköpfe nicht, sie hetzen und verurteilen trotzdem – womit sie den Neonazis ein weites Feld überlassen und ihnen viele Mitglieder zuschanzen. Kommen dann wieder Studien über wachsenden Rechtsradikalismus, der auch (aber nicht nur) durch linke Dummheit und Einfalt wächst (aber dafür ein weniger enges Weltbild bietet), dann wundert man sich, als wäre da was überraschend vom Himmel gefallen. Scheibenwelt kommt halt nirgendwo mehr gut an.

Nun werden uns ja die kommenden Zahlen bestätigen, das wir bald keine Arbeitslosen mehr haben. Wie hier, aus dem Blog, der mich dankenswerterweise über die Astrologenjagd der Nazis informiert hat – Analyse und Aktion – (und mich daran erinnert, das ich im Prinzip immer noch nichts von Astrologie halte und vielleicht mal was an der Einstellung ändern sollte) , die Arbeitslosenzahlen wirklich aussehen, vermag vielleicht ein Blick in die USA zu zeigen:

Benutzt man die Methoden zur Ermittlung der Arbeitslosigkeit, die in der Großen Depression der 1930er verwendet wurden, dann zählen wir heute in den USA die Depressionsziffer von 22,5 % Arbeitslosen. Die Regierung der USA benutzt Tricks um die reale Zahl optisch zu verrringern. Genauso wie die deutsche Regierung.

22,5 % Arbeitslosigkeit … das ist eine Menge. Bedenkt man die Schulden der USA und ihre Bedeutung für die Weltwirtschaft, dann kann einem mulmig werden.

Bedenkt man die von den deutschen „Gewerkschaften“ gepflegte „Sozialpartnerschaft“, dann weiß man, das die Gewerkschaften in Deutschland eine sehr gezähmte Gegenmacht darstellen (siehe hierzu: Labournet.de) und keine verläßlichen Partner zur Rettung der verfassungsmäßigen Ordnung darstellen. Ihre Funktion als gesellschaftliche Ordnungsmacht (als linker Arm der Korporatokratie, der Herrschaft der Konzerninteressen) beginnen sie langsam zu verlieren – ihre Glaubwürdigkeit erst recht.

In diese Zeiten macht eine Schrift aus Frankreich die Runde, die … beeindruckend in Analyse, Sprache und geistiger Bilderwelt ist – und gleichzeitig beängstigend in ihrem Inhalt: Der kommende Aufstand, hier zitiert aus „linksunten„.

Frankreich ist nicht das Vaterland der Anxiolytika, das Paradies der Antidepressiva und das Mekka der Neurose, ohne gleichzeitig Europameister der Stundenproduktivität zu sein. Die Krankheit, die Müdigkeit, die Depression können als individuelle Symptome dessen wahrgenommen werden, was geheilt werden muss. Sie arbeiten also am Erhalt der existierenden Ordnung, an meiner folgsamen Anpassung an dumme Normen, an der Modernisierung meiner Krücken. Sie umfassen die Selektion der opportunen, konformen und produktiven Neigungen in mir, von jenen, die brav zu betrauern sind. »Man muss sich verändern können, weißt du.«

Es ist ein Buch aus Frankreich über die französische Situation – und doch greift es den Verfall der westlichen Kultur insgesamt an – und das ruft sofort den linken Arm der Korporatokratie auf den Markt: einen wissenschaftlichen Mitarbeiter der Bundestagsfraktion der Grünen, hier in der TAZ:

Das Buch ist der aktuellste Versuch, ultralinker Politik ein glamouröses Antlitz zu verpassen. Situationismus, Autonomen-Anarchismus und Punkpoesie werden darin zu einem knackig formulierten Pamphlet gemixt. Es gibt herrlich resignierende Sätze wie diesen: „Das Paar ist die letzte Phase des großen sozialen Debakels.“

Überhaupt gefallen sich die Autoren in der Pose der heroischen Melancholiker. Der Kapitalismus ist unschlagbar, eine Revolution unwahrscheinlich – und genau deswegen muss man genau jetzt den Aufstand wollen. Ihr praktischer Vorschlag: Kommunen bilden! Nur so könnten die kapitalistische Maschine und ihre Kommunikationsflüsse unterbrochen werden.

Im argumentativen Zentrum steht die Gegenüberstellung von „echter“ und „entfremdeter“ Politik. Die Kommune der Gleichgesinnten: das schöne Reich der Unmittelbarkeit. Das parlamentarische System: das hässliche Theater der Repräsentation. Einmal mehr wird Rousseaus Traum von einer authentischen Gesellschaft ohne Konflikte geträumt. Über den repressiven (und regressiven) Charakter politischer Unmittelbarkeit machen sich die Autoren allerdings ebenso wenig Gedanken wie über die Frage, wie in einer globalisierten Gesellschaft ohne Repräsentation eine Politik möglich sein soll, die die Interessen möglichst vieler Menschen berücksichtigt. Auch vermisst man eine kritische Reflexion darüber, warum wohl das alte linke Ideal der Selbstbestimmung auf den neoliberalen Hund gekommen ist – Stichwort „Eigenverantwortung“.

Einmal mehr zeigt sich hier die Angst des Linken vor der Konkurrenz, die möglicherweise im Kampf um Stimmen effektiver sein könnte – dabei ist das doch ein Buch von Franzosen für Franzosen, ein Buch, dem man in Deutschland deshalb kaum Aufmerksamkeit schenken muß. Ich denke aber, der „wissenschaftliche Mitarbeiter“ weiß, was ihn so auf die Palme bringt: die Leute, die das Buch geschrieben haben, sind … unabhängig vom System. Sie sind „draußen“. Selbstversorger.

Hören wir Edition Nautilus dazu, den Verlag, der dieses Buch in Deutschland herausbringt:

»Dies ist möglicherweise das Böseste, was ich jemals gelesen habe.«
Glenn Beck, Fox News, USA
Der Aufstand kommt ist ein Buch, das neueste Zeitgeschichte geschrieben hat: Nach Sabotage an einer Eisenbahnstrecke, auf der im November 2008 ein Castortransport mit radioaktivem Material geplant war, wurde es von der französischen Regierung als einziges Beweisstück eines mittlerweile international bekannten »Terrorismusfalls« gehandelt, als ein »Handbuch des Terrorismus« und Vorwand für die skandalöse, z.T. monatelange Inhaftierung von neun Menschen aus dem Dorf Tarnac. Tatsächlich enthält des Buch eine pointierte, situationistisch geprägte Analyse der Reaktionen von Regierungen auf die verschiedenen Unruhen und Volksaufstände in den letzten Jahren. Die brennenden Vorstädte in Frankreich, die Straßengewalt in Griechenland usw. werden von den Regierungen als Gefahr gesehen, die polizeilich und militärisch gebändigt werden müsse, wobei das »Krisenmanagement« die Gesellschaft auch zusammenhalten soll. Für die Autoren dieses Manifests hingegen sind die Revolten revolutionäre Momente, Symptome des Zusammenbruchs der westlichen Demokratien, die sich gegenseitig verstärken und sich ausbreiten. Sie fordern einen Kommunismus, der als »ergebnisoffener« Prozess die Bildung von Kommunen sowie die Restrukturierung der Ökonomie in kleine, lokale Einheiten vorsieht und plädieren für eine anonyme Position der Unsichtbarkeit.
»Nur wir, die in Betonklötzen zur Welt kommen, in Supermärkten Obst pflücken und im Fernsehen nach dem Echo der Welt Ausschau halten, bringen es fertig, geduldig die Enzyklopädie des Desasters zu erstellen.« Unsichtbares Komitee

Das Böseste, das man je gelesen hat? Nun – ich kenne da Schlimmeres, aber … für Linke scheint es sehr böse zu sein. Es fordert Taten statt Worte, sowas könnte den Nachmittagskaffee mit Gebäck nachhaltig stören … man macht sich Gedanken darüber, wie man das System vernichten kann, anstatt es zu beklagen, wie man ihn ihm überleben kann, ohne zu ersticken. In der NZZ liest sich die Kritik an diesem Buch deshalb auch ganz anders:

«Kein materielles Milieu hat je den Namen umwelt verdient, ausser vielleicht die heutige Metropole. Digitalisierte Stimmen der automatischen Ansagen, Pfeifen der Trambahn im Tonfall des 21. Jahrhunderts, bläuliches Licht von Strassenlaternen mit der Form von Riesen-Streichhölzern, zu misslungenen Models travestierte Fussgänger, stille Rotation einer Überwachungskamera, helles Bimmeln der Métro-Säulen, der Supermarktkassen, der Chipkarten im Büro, elektronisches Ambiente der Cybercafés, Orgien von Plasmabildschirmen, von Schnellspuren und von Latex. Nie konnte ein Dekor so gut auf die Seelen verzichten, die es durchqueren. Nie war ein Milieu automatischer. Nie war eine Umgebung gleichgültiger und forderte, um in ihr zu überleben, eine ganz gleich geartete Gleichgültigkeit zurück. Die Umwelt, das ist letztlich bloss: der der Metropole eigene Bezug zur Welt, den sie auf all das projiziert, was sie nicht zu fassen vermag.»

von diesen Ausschnitten halten mag, sie zeugen von einem Sensorium für Bilder, Düfte, Laute und Stimmungen, das ich nie und nimmer in einem linksradikalen Aufruf zur Revolution erwartet hätte. Neben dieser (zumindest mir) durchaus sympathischen Empfindsamkeit, die etwas Versonnenes, ja Verträumtes hat, legt das «unsichtbare Komitee» allerdings auch eine eiskalte Entschlossenheit an den Tag, seiner Causa mit allen (illegalen) Mitteln zum Triumph zu verhelfen.

In der Tat: das Buch wirkt nicht unbedingt linksradikal – aber das kommt ja auch ganz auf die jeweiligen Definitionen von Rechts und Links an, oder? In Zeiten, in denen Konzerne eigene kleine (oder große) Länder darstellen und Politik maßgeblich bestimmen, muß man möglicherweise auf die alten Feindbilder „Arbeiter“ gegen „Unternehmer“ verzichten, weil Arbeiter und Manager gleichermaßen Aktien am selben Konzern halten, in dessen Aufsichtsrat Gewerkschafter und Kapitaleigner gleichermaßen sitzen.

Berühmt-berüchtigt wurde «L’insurrection qui vient» allerdings durch folgende Passage: «Die soziale Maschine mit nennenswerten Folgen zu sabotieren, erheischt heute die Wiedergewinnung und Neuerfindung der Mittel, den Fluss der Netzwerke dieser Maschine zu unterbrechen. Wie macht man eine TGV-Linie unbrauchbar, wie ein Stromnetz? Wie findet man die Schwachstellen der Informatiknetze, wie stört man die Radiowellen, wie überantwortet man die Flimmerkisten dem Schneegestöber?»

Im Zusammenhang mit diesem Buch sind auch die Verhaftungen von Tarnac zu sehen:

Die jungen Leute, überwiegend glänzend gebildete und ausgebildete «Aussteiger», bewirtschafteten dort einen Bauernhof, betrieben den lokalen Gemischtwarenladen und brachten mit Festveranstaltungen und Filmprojektionen Leben ins Dorf.

Seltsame Terroristen. Voll integriert im dörflichen Leben … und das soll schon gefährlich sein? Vielleicht ist es gerade das, was Angst macht: das es Menschen gelingt, Freiräume zu schaffen, die außerhalb der kontrollierbaren Sphäre liegen, Freiräume aus denen heraus man – unabhängig von allen Korruptionsmethoden der Moderne – Kritik üben kann, die wirkt, glaubhaft ist, überzeugt. Und sie scheint überzeugend zu sein, schaut man sich das Echo außerhalb der staatlich subventionierten Linken an:

Der wichtigste Grund ist wohl, dass wir es satt haben, politische Pamphlete zu lesen, die sich mit der Darstellung der schlechten Verhältnisse begnügen, ohne konkrete Schritte zu ihrer Aufhebung in die Diskussion zu werfen. „Der kommende Aufstand“ beschreibt die bröckeligen Fundamente der gegenwärtigen Ordnung nicht, um aufzurütteln oder Therapien zu ihrer Rettung vorzuschlagen, im Gegenteil. Die Zerbrechlichkeit der verschiedenen Aspekte dieser Welt der Domestizierung und Vernutzung, ihre neusten Transformationen werden nur durchgespielt, um endlich ihre Zerstörung konkret ins Auge zu fassen. Die Selbst-Zurichtung der Individuen, die sich mit Pillen im Rennen der Vermarktung halten, die Gewöhnung schon der Kleinsten daran, dass ihr Leben in der Selektion für eine Arbeitswelt bestehen wird, deren einziger Zweck der Erhalt des Hamsterrades selbst ist; der Angriff auf unser Leben wird nur geschildert, damit wir uns darin erkennen und dagegen in Stellung bringen können. Die Rundreise durch das trostlose Existieren der Metropole ist Aufklärung nicht im mythischen, sondern im militärischen Sinne: die Klärung eines gemeinsamen Ausgangspunktes, der operativen Bedingungen einer Real-Exit-Strategie aus der globalen Misere, und nicht zuletzt der praktischen Hebel, die uns in diesem Kampf zur Verfügung stehen.

Nun, ob die Autoren des „kommenden Aufstandes“ wirklich bei der Kommune zu suchen sind, ist fraglich. Überraschend ist, mit welcher Gewalt die Staatsmacht dagegen vorgegangen ist und hier kommenden Terrorismus a´la Baader-Meinhof wittert – obwohl sogar eine bekannte Schauspielerin dort mit wohnte, wie die FAZ berichtet:

Die Nachricht von ihrer Festnahme hat einen Riesenwirbel ausgelöst. Verhaftet wurde sie zusammen mit neun anderen Mitgliedern einer Gruppe, welche vom französischen Verfassungsschutz seit Monaten observiert wird. Das Zentrum der terroristischen Vereinigung soll ein alternativer Tante-Emma-Laden in der tiefsten französischen Provinz sein, in Tarnac, im Departement der Corrèze – auf dem „Plateau des Mille Vaches“, der Ebene der tausend Kühe. Aria Thomas wohnt hier in einer Wohngemeinschaft auf dem Bauernhof. Täglich haben die französischen Fernsehsender von der neuen Terroristenfront berichtet, den Laden gefilmt und die Nachbarn im Dorf mit dreihundertfünfzig Einwohnern befragt. In den Kinos war gerade der Baader-Meinhof-Film angelaufen.

Als „Hirn“ der Gruppe mit der schönen Schauspielerin in der Nebenrolle der verführten Mitläuferin wird ein Philosoph vermutet. Julien Coupat, vierunddreißig Jahre alt, hat an der renommierten Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales studiert – vielleicht noch bei François Furet, der in seinen letzten Vorlesungen vor dem Aufkommen einer neuen Utopie und politischen Gewaltbereitschaft warnte. Coupat gehörte zu den Begründern der Zeitschrift „Tiqqun“, dem „Bewussten Organ der imaginären Partei“.

Als Gemisch aus Situationismus und Postmaterialismus wird die Ideologie von „Tiqqun“ beschrieben. „Mit Spuren im jüdischen Messianismus“, befindet das „Figaro-Magazine“. Anderswo ist von einem „Potpourri aus Talmud und Heidegger“ die Rede. Zur Rolle des Staats hätten die Autoren auch gescheite Ideen formuliert. „Tiqqun“ kündete eine „neue historische Epoche extremer Gewalt und großer Unordnung“ an.

Und das ist es, was eigentlich beunruhigt … jene neue „historische Epoche extremer Gewalt“ wirkt nach dem schwarzen Donnerstag von Stuttgart eben nicht nur wie ein Aufflackern des Linksterrorismus, sondern wie eine neue, erschreckende Form von politischer BASTA-Wirklichkeit.

Dabei sollte allen klar sein: ein Zusammenbruch der Wirtschaft der USA wird uns alle vor ganz neue Probleme stellen … zum Beispiel vor das Problem, wo wir das Essen für morgen herbekommen.

Insofern sind da die „Terroristen“ mit ihrer angestrebten Autarkie schon deutlich weiter … und bräuchten sich eigentlich um die Zerschlagung der sozialen Strukturen keine Sorgen mehr machen, sondern könnten in Ruhe und Geborgenheit bei Wein und Brot dem Untergang des Abendlandes zuschauen, das noch mit den letzen Atemzügen: „AUFSCHWUNG!“ ruft.



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