Kolumne

Afghanistan – eine überfällige Polemik

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Dieser seltsame, vor (sehr) vielen Jahren mal durchaus ehrenwerte Peter Struck war in Deutschland der erste, der vor laufenden Kameras sagte:

„Jetzt verarsche ich euch richtig!“

(Übers.: „Die Sicherheit Deutschlands wird am Hindukusch verteidigt.“)

Und alles jubelte ihm zu. Man fand lobende, ermutigende Worte für die erfrischende Offenheit Strucks, der als erster recht offen bekannt hat, wie sehr deutsche Politik mittlerweile zum Dispositionsobjekt fremder Mächte verkommen ist. Nur angekommen ist die Botschaft irgendwie nicht dort, wo sie eigentlich hingehört hätte, nämlich unter das Volk – welches ja bekanntlich die Soldaten stellt.

Aber auch in all den folgenden Jahren, als die alliierten, westlichen Streitkräfte mit jedem Schuss für ein weiteres Erstarken der Taliban Sorge trugen, dämmerte auf unseren Straßen noch immer keine Erkenntnis. Die Sterberaten wuchsen zwischenzeitlich ins Unermessliche, ganze Dorfschaften in Afghanistan bettelten in Kabul ums Aufhören. Aber wen schert schon der Tod einiger tausend armseliger Bergbauern, wenn man doch für die Mädchenschulen ihrer Töchter tötet. Angeblich.

Ebenso angeblich habe man ja unterdessen durchaus sehenswerte Erfolge zusammengeschossen. Nur leider gibt es Wikileaks. Und Wikileaks fasst nur in einem Dossier von 92.000 Dokumenten schlussendlich zusammen, was all die Jahre sowieso immer wieder in der Presse zu erkennen war:

  • Militärische Erfolgsmeldungen sind/waren schlicht gelogen.
  • Kriegsberichte wurden gefälscht.
  • Zivile Todesraten wurden gefälscht.
  • Die militärische Situation wurde gezielt falsch dargestellt.
  • Das westliche Militär ist unfähig zu dieser Auseinandersetzung.
  • Die Taliban sind stärker als je zuvor.
  • Afghanistan wird von ihnen und einigen warlords regiert.
  • Die Marionette Karzai ist hilf- und machtlos, ohne jeden Einfluss.
  • Afghanische Regierungsmitglieder sind selbst tief in Korruption verstrickt und verschieben Hilfsgelder ins Ausland auf eigene Konten.

Alle kriegführenden Nationen sind diese Fakten selbstverständlich bekannt. Seit jetzt neun Jahren erleben ihre Truppen einen blutigeren Monat nach dem nächsten; es existieren faktisch überhaupt keine Erfolge, nur Rückschläge und Niederlagen. Allein nur der SPIEGEL schreibt jeden Monat aufs Neue: “ … der zurückliegende Monat gilt als der blutigste des Krieges mit den höchsten Verlustraten …“

Da wir hier aber nicht in den USA leben sondern als Deutsche in Afghanistan eine ganz eigene Verantwortung – auch für hunderte von zivilen Toten! – zu tragen haben, müssen wir uns um die Motivation bekümmern, die zu den massiven Lügen unserer Regierung führt.

Es spricht nicht gerade für unseren Kriegsminister Guttenberg, wenn dieser an den Särgen rückgeführter, deutscher Soldaten zu ekelerregender, niedriger Kriegspropaganda greift, die eines Göbbels würdig gewesen wären; man erinnere sich nur an seine bizarren Worte, dass er „seinen kleinen Töchtern“ erklärt haben wolle, diese „Toten seien deutsche Helden„. Diese Toten waren keine Helden, das weiß Guttenberg ganz genau, sie sind elend in einem Krieg verreckt, der von vornherein zu keinem Zeitpunkt gewinnbar war oder zu nachhaltigen Erfolgen hätte führen können. Insofern verkommt Guttenbergs Leichenrede zu immer wieder gezeigten Nazi-Reden aus dem Berliner Sportpalast und ähnlich widerlichen Durchhalte-, also Scheißhausparolen. Wikileaks zeigt es sehr eindrücklich: deutsche Soldaten werden immer stärker beschossen, begegnen täglich immer größeren Sprengfallen- und Hinterhaltsgefahren und haben keinerlei militärische Erfolge vorzuweisen. Da dies mittlerweile sogar die Taliban verstanden haben, konzentriert sich deren Feuer eher auf die afghanischen Soldaten und Polizisten, deren Treffer- und Tötungsquoten in der fraglichen Region ganz erheblich höher sind als die des deutschen Militärs.

Warum tut dieser pomadenschwangere Minister das? Und warum belügt uns unsere ganze Regierung immer weiter und immer weiter? Obschon mittlerweile selbst die bildungsfernste Bevölkerungsschicht zu begreifen scheint, dass Deutschland einen dreckigen Krieg führt wie es ihn niemals wieder hatte führen wollen?

Und warum hat aus diesem krüppeligen Regierungsverein niemand die Nerven, den Mut, ja, die Eier und sagt:

„Wir haben schwere Fehler gemacht. Und die korrigieren wir jetzt.“

Warum nicht? Fließt da etwa Geld aus Washington? Welche Geheimabsprachen gibt es da? Wer ist persönlich und wirtschaftlich am Weiterschießen beteiligt? Wer verdient daran? Welche Versprechen liegen aus den USA für welche Politiker vor? Es gibt schon lange schießgeile Minister und Abgeordnete, denen es nach der Kapitulation Deutschlands im Land sehr viel zu langweilig geworden war. Es war eine Angela Merkel, die beim damaligen „Nein!“ der deutschen Regierung unter Schröder gegen eine deutsche Beteiligung am Irak-Krieg nach Washington reiste und sich dafür bei Bush entschuldigte. Angeblich spiegele Schröders Nein nicht die Meinung des deutschen Volkes wieder, sagte sie, und wäre sie an der Macht, so wäre Deutschland mitmarschiert, mit und tief hinein ins Völkerrechtsverbrechen. So sagte sie. Aber davon will sie heute nichts mehr wissen, verständlich, und außerdem hat sie ja Afghanistan, nicht wahr?

Und es waren nicht wenige Politiker, die unlängst noch offen gesagt haben:

„Ja, ganz richtig, wir verarschen euch immer noch. Wie der Peter, nur schlimmer.“

(Übers.: „Der Satz von Herrn Struck ist heute noch so wahr wie damals.“)

© 2010 Echsenwut.



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