Politik

Eigentum ist Diebstahl und Aschenputtel ist überall: erste Schritte in die Freiheit

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Dieser Satz wurde mal Rudolf Augstein vom „Spiegel“ zugeschrieben. Genau sagte er: Eigentum ist kein Fetisch, sondern legitimierte und verrebbare Räuberei.

(Quelle: Dagegen, Hörner/Jonas,  Eichbornverlag 2003, Seite 103)

Der Satz Eigentum ist Diebstahl stammt von Proudhun. Wenn ist diesen Satz höre, denke ich immer gleich: jetzt wollen die Kommunisten auch noch meine Plattensammlung. Andere, die das jetzt lesen, denken: jetzt will der Eifelphilosoph an mein Eigentum.

Beides stimmt.  Gerne würde ich jedem alles gönnen, aber leider sind bei der Verteilung Lumpen am Werk gewesen, weshalb wir über Eigentum noch einmal ganz von vorne nachdenken müssen.

Früher hatten wir mal ein Dorf.  Jeder hatte ursprünglich mal ein Dorf, denn Menschen sind nicht blöd und allein nicht überlebensfähig. China, Indien, Afrika … alles voller Dörfer, bewohnt von Stämmen.

Gehörte jedem alles?

Nein, natürlich nicht. Es gab Dinge, die wurden Menschen geschenkt um ihre Leistung zu würdigen. Ein besonderes Fell, ein besonderer Pfeil, ein hübsches Pferd … Dinge von echtem Wert, keine Orden a´la Held der Arbeit.

Manche bauten auch Zäune.  Je wilder die Tierwelt, umso wichtiger war der Zaun.  Eigentum wurde also deutlich gekennzeichnet. Eigentum? Nein. Kennzeichnung? Nein. Der Zaun sollte den Löwen von den Kühen fernhalten. Die symbolische Signalwirkung von Zäunen, die ja heutzutage überall herumstehen, war für den Löwen nur mit Mühe zu verstehen – und da er Hunger hatte und keine Lust auf Rätsel, hätte er sich um sie auch nicht groß gekümmert.  Für die, die Ackerbau betrieben, waren Zäune ebenfalls wichtig.  Zäune und Hunde. Gerne ging die Kuh auch mal ins Getreide um sich einen richtig schönen Tag zu machen, das war nicht im Sinne derjenigen, die mit Hilfe ihrer Arbeitskraft ein Feld geschaffen hatten.

Aber der Rest der Welt … war frei.

Tausende von Jahren später ist schon mal umverteilt worden. Wesen mit blauem Blut stiegen aus dem Dunkel der Geschichte hervor und riefen:

„Alles meins!“.  Unter Zuhilfenahme von Lumpengesindel, Waffentechnik und Burgenbau (auch heute noch eine gefährliche Kombination) erfanden sie etwas ganz Neues: „Besitzanspruch auf Land“.  Und dazu: Zins, Steuern, Pacht und was ihnen sonst noch so alles einfiel, um anderen die Früchter ihrer Arbeit zu stehlen.  Normalen gottesfürchtigen Menschen wäre das nicht in den Sinn gekommen.  Die Welt gehört Gott und damit allen, aber die Legionen Satans waren da anderer Meinung.

Aber selbst unter diesen Umständen hielt sich die gute Sitte, das Arme, Kranke, Witwen und Waisen ihr eigenes Vieh auf der Gemeindwiese halten durften, damit sie nicht verhungerten.  Erschwerten die Legionen Satans auch den Alltag, so war es für den Einzelnen doch kein Grund, unmenschlich zu werden.  Auf der Gemeindewiese steht heute ein Supermarkt.

Das wäre nicht weiter schlimm, denn die Gesellschaft hat einen Weg eingeschritten, der alle von dem biblischen Fluch der Arbeit befreien könnte.

Große Maschinen leisten überall Arbeit, mehr, als alle Menschen zusammen je könnten.

Puh„, sagt der Bauer, „Endlich Schluß mit der Plackerei. Ist ja auch für unsere Armen gut, jetzt kann ja endlich jeder genug haben, um nicht zu leiden„.

Ein sehr vernünftiger Mann, der Bauer.  Waren sie schon immer. Sie können sich Irrtümer nicht leisten, sonst überleben sie den Winter nicht.

Leider ist der Adel anders. Als Berufsstand, der es sich auf die Fahnen geschrieben hat,  für immer und ewig von der Arbeit der anderen zu Leben, kann er natürlich nicht dulden,  das die Befehlspyramide ins Wanken gerät.  Erfunden wird: die  BESCHÄFTIGUNG. Völlig sinnfreie Tätigkeiten, mit denen wir heute zum Aschenputtel werden:

Eugen Drewermann: Die Geschichte vom Rumpelstilzchen spricht von einem Mädchen, das vom Vater einem König versprochen wird mit der Kunst, Stroh in Gold spinnen zu können. Und wenn dieses Kind das nicht schafft, wird es hingerichtet werden. Die Märchen der Brüder Grimm sind voll von Geschichten armer Leute, die auf sozialen Aufstieg hoffen, aber dabei Unglaubliches leisten müssten, viel mehr als sie vermögen. Das Märchen vom Rumpelstilzchen erzählt nun, dass es vielleicht sein kann, den Leistungsförderungen der Umgebung perfekt sich anzupassen, aber nur um den Preis des Opfers, der eigenen Gefühle, der eigenen Kindheit, der eigenen Persönlichkeit. Am Ende muss dieses Mädchen sich selber mit dem Kind, das es zur Welt bringt, versprechen einem Gnom, der ihm dabei behilflich ist, bei dem Kunststück, wie man aus Nichts Goldwertes schaffen könnte, behilflich zu sein, nur wenn man den Namen dieses Gnoms kennt. Zweierlei liegt in meinen Augen darin. Das Wirtschaftssystem, das wir heute haben, anerkennt überhaupt keine Werte mehr. Alles ist in den Händen des Kapitalismus wie Stroh. Brennende Urwälder, Elend in unglaublicher Form, die für nichts gilt, wenn man nur Gewinne damit einheimsen kann, und gleichzeitig aus diesem Nichtigen muss eben Gold gesponnen werden ohne Rücksicht auf die Menschen. Eine Geschichte, die über 190 Jahre alt ist, und doch so modern, wie sie nur irgend sein kann.

Vielleicht erkennt der eine oder andere in dem Gnom seinen Vorgesetzten wieder, doch diesen Gnom trägt man auch in sich selbst:

Heinemann: Wer spielt denn heutzutage die Rolle dieses Gnoms, dieses Rumpelstilzchens?

Drewermann: Ich denke alle Gefühle, die wir opfern müssen, um Karriere zu machen, lassen sich repräsentieren in diesem Zwergenwesen unserer selbst, in dieser Homunkulusgestalt, die immer trickreich ist, immer fleißig, jede Nacht durcharbeitet. Die Müllerstochter, die hoffte auf diese Art Karriere zu machen, muss nach und nach alles von sich opfern. Wie viele Frauen vor allem kenne ich, die an Gicht leiden, an Arthrose unter dem Dauerstress, in den man sie gestellt hat, um Beruf und Familie, um Karriere und Kind miteinander unter einen Hut bekommen zu können. Sie leiden endlos und sie opfern ständig. Sie sind am Ende mit 50 so ausgebrannt und leer, dass sie kaum noch wissen wofür sie existiert haben. Die Kinder sind schon wieder aus dem Hause, aber sie haben sie kaum kennen gelernt. Was das Märchen vom Rumpelstilzchen dabei sagen kann sind dringende Warnungen. Höre auf dein Herz und lass dich nicht ein auf einen Pakt, der in den Märchen sonst beschrieben wird als ein Pakt mit dem Teufel. Man kann dabei sehr reich werden, verliert aber seine Seele.

Und da stehen wir nun: angepaßt, leistungsorientiert, in Kenntnis aller Dinge, die „man“ machen muß. Obwohl Maschinen uns die Arbeit abnehmen, haben wir weniger Zeit als zuvor.  Unsere Großeltern kannten noch die 60-Stunden-Woche … sechs Tage a´ zehn Stunden.

Viele von uns wären doch froh, wenn sie das hätten! Nur noch sechzig Stunden arbeiten. Offiziell arbeiten wir weniger, das stimmt.  Aber dann haben wir zusätzlich soziale Zwänge erschaffen, die uns erwürgen.  Wir feiern uns zu Tode, da unsere Feiern den Ansprüchen des Adels genügen müssen, wir aber kein Personal haben, das die Feiern für uns gestalten sind wir …. sehr beschäftigt. Weihnachten, Ostern, Geburtstage, Karneval, Halloween … und wer Kinder hat, bekommt noch einen dicken Packen oben drauf.  Unser eigenes kleines Rumpelstilzchen hat uns voll im Griff.

Frühere Generationen wußten das … und erzählten sich deshalb Märchen, um sich zu warnen. Frühere Generationen wußten sogar, das Eigentum Diebstahl ist, denn der Eigentumsanspruch auf LAND ist der Eigentumsanspruch auf alle Gewächse, die dort ohne Zutun des Menschen wachsen. Er ist der Anspruch auf das Essen der Menschheit, der so absurd ist wie der Anspruch auf die Luft.  Wir brauchen Tiere, um uns zu erinnern:

Drewermann: Die Geschichte von den Bremer Stadtmusikanten ist in aller Munde des berühmten Satzes wegen „was besseres als den Tod findest du überall“. Aber die wirkliche Weisheit dieser Geschichte, die Revolution, die in ihr liegt, besteht in der Feststellung, die jedem sonnenklar sein könnte und dennoch stets verschwiegen wird, dass ein Wirtschaftssystem nicht Recht haben kann, das Menschen festlegt und überhaupt nur leben lässt durch ihre Leistungsfähigkeit, durch die Effizienz ihrer gesellschaftlichen Aktivitäten. Und das erleben zumindest die alt gewordenen spätestens. Die Geschichte ist deshalb überraschend, weil die Hausbesitzer entlarvt werden als Räuber. Eigentum ist Diebstahl. Und die Räuber, die da im Hause sitzen und sich vollprassen und mästen, anerkennen in ihrem Unbewussten, dass sie Diebe sind. Der Hahn, den sie hören, oben auf dem Dach, nachdem die Tiere das Haus besetzt haben, erscheint ihnen wie der oberste Richter, der schon die Festnahme der Schelme in Auftrag gibt, und sie wagen nicht mehr zurückzukehren. Das ist wirklich märchenhaft, dass mal eine Revolution sei, die nicht sofort wieder von der Gegenrevolution kassiert wird wie etwa Allende durch Pinochet.

Es ist etwas, dessen wir uns erinnern müssen.  Unsere Kinder brauchen Märchen, weil Märchen eine Tiefenstruktur haben, die der Germanist nicht mehr erfassen kann. Märchen sind Philosophie in Bildern….und deshalb sie sind wahr. Und so ist es sinnvoller, nicht auf die Partys der Seelenlosen zu gehen, sondern sich mit den Nachbarn über eine dringend notwendige Bodenreform zu unterhalten. Die Lumpen haben es in der Tat gewagt, die Gemeindewiese zuzubetonieren und jetzt wollen sie der armen Witwe, die sich so aufopferungsvoll um die Waisen und Behinderten im Dorf gekümmert hat, auch noch das Geld wegnehmen, das ihr Ersatz war für ihr Recht, ihr Vieh auf dem Gemeindeland weiden zu lassen.

Diese Geschichte stinkt zum Himmel! Und wir alle machen uns des Mordes schuldig, wenn wir tatenlos zusehen. Suchen wir also mal nicht nach einer neuen Möglichkeit zum Feiern, schmeißen wir eher mal ein paar Feste ´raus oder gestalten sie viel einfacher.  Unsere Hartz IV-Witwen und Waisen können sich keine aufwendigen Geschenke erlauben, wir beschämen sie durch unsere Kultur – und das ist ein Übel, das WIR in die Welt setzen.  Es wäre schon ein gutes Zeichen, die materielle Geschenkekultur abzubauen. Das tut keinem weh und bringt vielen Nutzen. Den Kindern … kann man auch so nebenbei was schenken. Und je mehr wir uns diesem Terror entziehen, umso freier werden wir, umso schwächer wird jener kleine Terrorgnom in uns, der uns durchs Leben jagt – und jener Gnom gilt als erstes entsorgt.  Sein Weg bringt uns in eine unglaubliche Armut: die Armut der Seele.  Wir werden wie Wesen, denen man Augen und Ohren nimmt,  damit sie nur weiter kräftig das Mühlrad treten können. Was bringt mir dann der ganze Reichtum, wenn ich keine Muße habe, ihn zu genießen und der Traum vom Eigenheim zum Alptraum wird?

Heinemann: Aber Stichwort Aktualität. Nicht jeder, der mit Mühe sein Eigenheim abstottert für seine Familie, ist doch gleich ein Dieb.

Drewermann: Das mag sein und man hat sicher nichts zu sagen gegen die kleinen Leute, die versuchen, in diesem System zurecht zu kommen. Aber Adornos Satz gilt natürlich: Man kann im Verkehrten nichts Richtiges machen. Wir alle sitzen in einer Tretmühle, an deren Rändern 50 Millionen Menschen jedes Jahr an Hunger sterben. Wir könnten für 20 Milliarden Euro, die Hälfte des Wehrhaushaltes der Bundesrepublik, allen Menschen Zugang zu Trinkwasser schaffen. Wir könnten ungefähr für die gleiche Summe die Slums um die Großstädte der Welt auflösen. Sao Paulo, Rio, Bombay einmal vorgestellt ohne Slums. Wir könnten wirklich etwas tun für den Frieden, für die Einheit der Menschen, für eine Globalisierung der Humanität und der Verantwortung und genau das Gegenteil tun wir. Die kleinen Häuslebauer müssen alleine für die Kredite, die sie aufnehmen, endlose Zinsen zahlen und wieder mästen sie dabei die schon Reichen mit überflüssigen Abgaben und werden dabei immer ärmer.

(Quelle Drewermanninterview: Deutschlandfunk)

Und wenn wir den inneren fiesen Gnom erschlagen haben und uns aus den Ketten der Zeitdiebe befreien konnten … sollten wir uns mal wieder Gedanken über eine Bodenreform machen. Der Boden … gehört uns allen.  Wie die Luft und das Sonnenlicht.  Wenn ich jedoch … in manche Fabriken hineinschaue, in manche geschlossene psychiatrische Anstalten oder manche Großraumbüros so sehe ich, das man schon jetzt anfängt, Menschen sogar noch Luft und Licht wegzunehmen.

Hätte man das wiederum den Gebrüdern Grimm erzählt … sie hätten es nicht geglaubt.  Die Geschichte unserer Welt könnten wir diesen Herren nur als Märchen vorstellen:

„Und einst kam der Fürst der Finsternis auf die Erde und alles wurde öde, wüst und leer.  Baum, Strauch und Tier wurden getötet, die fruchtbaren Felder mit hartem Stein überzogen auf denen metallene Wölfe Jagd auf Menschen machten.  Überall war ein Lärmen und Tosen, und Gifte in Wasser und Luft, so das die Menschen einsam Zuflucht in ihren kleinen Höhlen suchten – außer jenen, die dem Feind des Lebens dienten, sie bekamen Paläste die umso größer waren,  mehr Land und Leben sie selbst zu vernichten bereit waren“.

(Quelle: Eifelphilosophs Reiseberichte aus der Stadt)

Und jetzt … müssen wir uns nur noch überlegen, wie das Märchen weitergehen soll.  Wie soll unser Held sein … und wie sein erster Schritt?

Wie er aussieht weiß ich schon.

Schaut in den Spiegel, dort seht ihr ihn.

Ob er gewinnt oder versagt, entscheidet nur ihr selber.

Ach ja, und eins noch: der König ist schon tot. Aber seine Höflinge haben sich sprunghaft vermehrt und sind zur Plage geworden.



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