Politik

Bildungsrepublik Deutschland, Mammonismus und Charakterbildung

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Deutschland muß sich Gedanken über seine Zukunft machen. Dringend, sonst werden wir innerhalb einer Generation das Armenhaus Europas. Noch ist Zeit, sich Gedanken darüber zu machen, wie und wo wir unseren Platz in einer globalisierten Welt finden wollen. Als Maurer und Klempner sind wir zu teuer. Schreinerei wird uns von Maschinen abgenommen sowie bald auch die Altenpflege. Maschinenbau wird ebenfalls bald von den Schwellenländern übernommen. Falls wir nicht eine Zukunft als Wanderarbeiter in Saudi-Arabien oder Dhubai ins Auge fassen wollen (kein Scherz: viele sind ja schon da) dann sollte man rechtzeitig die Notbremse ziehen und Ressourcen suchen, Spezialisierungen suchen, die uns wieder weltweit führend machen können. Oder aber wir werden das Volk, das – von der Eu dirigiert – sich gegenseitig für ein Euro die Stunde ein-Euro-Waren verkauft.

Wir haben da auch noch zwei. Die Ressource Sozialstaat und die Ressource Bildung, wobei letztere von aus billigst verramscht wird. Über die Ressource Sozialstaat schrieb ich schon. Die Ressource Bildung bedarf einer näheren Analyse, für die ich erstmal ins Kaiserreich zurückkehre, aus der unser jetziges Bildungssystem stammt.

http://www.petrakellystiftung.de/fileadmin/user_upload/newsartikel/PDF_Dokus/Bueb_Erziehung.pdf

„Die Moral unserer Jugend wurde und wird durch die offenbaren Missstände unseres
öffentlichen Lebens, die man in den kurzen Schlagworten: Mammonismus, Alkoholismus
(Nikotinismus) und Sexualismus zusammenfassen kann, besonders gefährdet. Diesen
Gefahren zu begegnen und diesen Notstand, in dem sich viele Familien und Kinder befanden
und noch befinden, abzuhelfen, wurde ich Erzieher und schuf mir, nach dem ich bereits an
verschiedenen Plätzen für diese Überzeugung gekämpft hatte, ein eigenes Wirkungsfeld.”
(Hermann Lietz, 1913).

Eine recht alte Aussage, knapp hundert Jahre alt. Und ich muß persönlich sagen: als Vater von vielen Kindern erfahre ich diese Gefahren durch eigene Kinder und durch ihre Freunde als immens. Wozu noch eine Ausbildung machen, wenn man doch als Superstar in einem Monat mehr Geld verdienen kann als Papa in zehn Jahren? Wozu Latein lernen, wenn es reicht, blöd zu sein und im Big-Brother-Container zu wohnen, um berühmt zu werden? Besser als Neil Postman kann man es glaube ich kaum beschreiben:

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute haben diese Erscheinungen eine neue
Dimension des öffentlichen und privaten Lebens erreicht, und zwar durch den Wandel zur
Informationsgesellschaft. Für jedes Kind und jeden Jugendlichen sind diese genannten
Phänomene über das Fernsehen und Internet zugänglich. Fernsehen und Internet werden
ihrerseits zu einer bedrohlichen Sucht.
Der amerikanische Soziologe Nell Postman hat ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel
,,Das Verschwinden der Kindheit“ geschrieben Seine These lautet, dass Kindheit einen
Schutzraum vor der Welt der Erwachsenen darstellt, einen Schutzraum besonders vor ihrer
Sexualität, ihrer Gewalt, ihrer Korruption und ihrer Abhängigkeit vom Geld. Das Mittelalter
kannte diesen Schutzraum nicht. Kinder waren unmittelbar am Leben der Erwachsenen
beteiligt, sie genossen auch keinen Rechtsschutz. Erst die Neuzeit, vor allem das 19 und 20
Jahrhundert, haben die Idee der Kindheit als eines eigenen geschützten Erfahrungsraumes
erfunden und praktiziert.

Die Kindheit als geschützter Erfahrungsraum? Meine Kinder haben Gewalterfahrungen als erstes in der Schule kennengelernt. Meine und die Nachbarskinder. Die Täter? Zugewanderte Menschen. Alle ohne Migrationshintergrund, alle träumten den Traum vom schmucken Eigenheim, in dem man jederzeit stolz die „Supernanny“ empfangen konnte. Natürlich arbeiteten beide Eltern. Und natürlich … verwahrlosten die Kinder. „Verwahrlost“ im materiellen Sinne sahen eher die Dorfkinder aus (was mir das Leben dort so sympathisch machte): barfuß oder mit zerrissenen Strumpfhosen über die „Hauptstraße“ schlendern, Bollerwagen bauen, Mäuse jagen … alles ganz normaler Alltag.

Dann kamen die anderen, wie eine Invasion. Und auf einmal hatten wir Eltern ganz andere Probleme.
Sexfilme, Alkohol, Zigaretten, Drogen … alles für Zwölfjährige verfügbar. Und nach wenigen Jahren hatten diese Menschen … die Mehrheit im Dorf. Die Veränderung der soziokulturellen Normen waren deutlich zu erkennen. Auf einmal hatten wir, die wir niemals unsere Haustüren abschlossen und deren schlimmster Kriminalfall in zehn Jahren ein aufgebrochener Zigarettenautomat im Jahre 1995 war mit allen Formen von Kriminalität zu tun….und das alles völlig ohne Migrationshintergrund. Im Gegenteil, Hort der Asozialtität war: die gutbürgerliche Familie mit dem bunt angemalten freistehenden Einfamilienhaus.
Opfer: die Bauernkinder – in erster Linie. Sie, von deren Arbeit wir alle leben, kamen mit den neuen normen – Handy, PC, Playstation – nicht mehr mit … und hatten auch gar kein Interesse daran. Ihr eigenes Leben war viel reichhaltiger, vielfältiger – und sie hatten auch Zukunft: als Bauer den Hof des Vaters zu übernehmen. Sie hatten keine Zeit für Videospiele, konnten aber Kühen bei der Entbindung helfen.

Heute, sagt Neil Postman, haben wir uns in mittelalterliche Zustände zurück entwickelt. Der
kindliche Erfahrungsraum ist aufgehoben durch das Fernsehen und das Internet. Kinder und
Jugendliche sind wieder unmittelbar am Leben der Erwachsenen beteiligt. Wer sich die Mühe
machen würde, sich eine Woche lang die Fernsehprogramme zuzumuten, die Jugendliche
vornehmlich sehen, nämlich RTL, Sat 1 und Pro 7. müsste entsetzt sein über das. was die
Mehrzahl der Jugendlichen täglich erlebt. Jugendliche erfahren die Beliebigkeit sexueller
Beziehungen, die Auflösung aller Bindungen, den Primat von Spaß und Egoismus, die
grenzenlose Konsumgesellschaft, die Dauerpräsenz von Gewalt, die Selbstverständlichkeit
von Korruption und die Abhängigkeit der Menschen vom Geld.
Unter den Erscheinungen der Erwachsenenwelt ragt besonders die Bedeutung des Geldes
hervor, als letzte sinngebende Instanz für das Handeln und Denken der Menschen. Wir
erleben durch die Medien einen grenzenlosen Materialismus. Geldgier, Geldbesitz und
Gelderwerb sind der Hauptantrieb im Guten und im Bösen. Man muss sich nur das Beispiel
Sport vor Augen führen, um die Macht des Geldes zu erkennen. Die Güte einer Sache wird an
ihrem materiellen Wert gemessen, der Rang von Berufen an der Höhe des Einkommens
orientiert. In Aktiengesellschaften stehen nicht an erster Stelle die Qualität des Produkts und
das Wohl der Mitarbeiter. sondern der Shareholder Value.

Und weil das so ist, sterben immer mehr Menschen, denn die Qualität der Arbeit ist egal: so versagen Bremsen, Stadtarchive stürzen ein, Hüftgelenke müssen erneut raus´- und reinoperiert werden: Hauptsache, die Aktionäre bekommen mehr Zahlen aufs Konto. Und unsere Kinder erleben wieder mittelalterliche Zustände – und verlieren den Glauben an die Welt.

„Superstars“ werden gefördert – wozu sollen die lesen lernen? Und als Wert gilt nur noch eins: der Mammon. Und der hat mit der Fähigkeit lesen und schreiben zu können nichts zu tun. Entweder ist der Papa Arzt – dann wird man schon was, oder: Papa ist kein Arzt, dann muß man eben singen oder auf den Strich gehen.

Das Mammonismus seine Schattenseiten hat, wissen sogar Börsenprofis:

http://www.direktbroker.de/unser-service/boersenlexikon/Mammonismus%20(mammonism)/16331830/M

Ausdruck für die Meinung, dass Geld die (fast) alles bestimmende Wirklichkeit in der Welt gesamthaft sei. Eine Haltung, gekennzeichnet durch die Ausrichtung allein auf den Erwerb von Vermögen ohne Rücksicht auf andere Gegebenheiten. In der sozialistischen Anklageliteratur gegen die freiheitliche Wirtschaftsordnung der Vorwurf, die eigenständige Entscheidung der Privathaushalte und Unternehmen am Markt führe mit innewohnender Notwendigkeit in eine Gesellschaft, in der bald alle nur noch auf Geld und Anhäufung von Vermögen (auf Kosten anderer, schwächerer Personen und Unternehmen) ausgerichtet seien; auch Mancherstertum (mancuniasm; Mancunium = der lateinische Name für die englische Industriestadt Manchester) genannt.
� Universitätsprofessor Dr. Gerhard Merk, Universität Siegen

Wenn man dann aber sieht, wie die Elite ihre Kinder in Privatschulen erziehen läßt, dann wird einem ganz anders:

http://www.salem-net.de/fileadmin/Kundendaten/pdf/PERSOENLICHKEITSENTWICKLUNG/Die_7_Salemer_Gesetze/7_Salemer_Gesetze.pdf

Die sieben Salemer Gesetze
Die Impulse, aus denen heraus Kurt Hahn und Prinz Max von Baden 1920 die Schule Schloss Salem gründeten, kristallisierten sich zusammen mit den ersten praktischen Erfahrungen um 1930 zu den sogenannten ‘Sieben Salemer Gesetzen’.

Sie formulieren die Grundprinzipien Salemer Erziehung, und in ihren verschiedenen Varianten in Deutsch und Englisch bestimmen sie Leben und Arbeiten in Salem bis heute.

Erstes Gesetz

Gebt den Jugendlichen Gelegenheit, sich selbst zu entdecken.

Zweites Gesetz

Sorgt dafür, daß Jugendliche Erfolg und Niederlage erleben.

Drittes Gesetz

Schafft den Jugendlichen Gelegenheiten, sich über die gemeinsame Sache selbst zu vergessen.

Viertes Gesetz

Schafft Zeiten des Schweigens – Schafft Raum für Sammlung.

Fünftes Gesetz

Übt die Vorstellungskraft, die Fähigkeit vorauszuschauen und zu planen.

Sechstes Gesetz

Nehmt Spiel und Sport ernst, aber laßt sie nicht beherrschend sein.

Siebtes Gesetz

Befreit die Kinder der Reichen und Einflussreichen von dem lähmenden Bewußtsein ihrer Bevorzugung.

Es sind Lichtjahre, die diese Form der Charakterbildung von dem Bildungsalltag deutscher Gymnasien unterscheidet, wo jede mathematische Niete dank „sonstiger Mitarbeit“ eine drei einfahren kann und dann erst später im Leben merkt: „Mensch, ich kann ja gar nicht rechnen!“ … und häufig melden bringt an der Kasse bei Aldi auch nichts, die wollen Geld für ihre Waren, sonst nichts.

Förderung von Phantasie, Charakter, Verantwortungsgefühl, Gemeinschaftsbewußtsein, Mitleid, Individualität … aber nur noch für die, die es sich leisten können. Und jene Zöglinge sind es dann wohl auch, die dieses Land – durch Sarrazins und Henkels angewiedert – verlassen: sie haben jetzt Charakter, aber Land und Leute nicht mehr.

Wer diese Gesellschaft verändern will, der muß genau dort ansetzen: in der Schule. Nicht politische Parteien werden dieses Land verändern, sondern mündige Bürger. Und so könnten wir zur Hochschule der Welt werden – uns würde man das abkaufen, Brasilien, China und den USA nicht. Wir haben Kant, Marx, Luther, Beethoven und viele andere Größen hervorgebracht, wenn wir an diesem „Markenzeichen“ anknüpfen, haben wir die nächsten 500 Jahre Ruhe – und Arbeit genug.

Ganz Deutschland wird ein Bildungsgarten, in den die Weltbürger ihre Kinder schicken.

Ein schöner Traum, oder? Wir hätten wieder Arbeit für alle Bewohner des Landes, unser sozialer Friede würde den Bürgern aller Nationen ein Beispiel geben können und am „Deutschen Wesen“ könnte endlich mal „die Welt genesen“ … damit auch die Reichsdeutschen glücklich werden, auch wenn das Ergebnis und die Wege nicht ihren Wünschen entsprechen.

Ich schätze aber, das wird ein Traum bleiben, da bildungsferne Politiker inzwischen ihren eigenen wahnhaften und widerlichen Phantasmen nachjagen. Und dank ihnen wird Deutschland am Ende der Globalisierung ein deindustrialisierter Slum werden.

Unser Autobahnen geben jetzt schon nach.



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