Leben

Gut und Böse, Hartz IV und Arbeit

Von hier aus gelangen Sie auf die Autorenseite von und koennen alle kommenen Artikel mit "Link speichern unter" abonieren.

Ich finde, Sonntags ist immer ein guter Tag für besinnliche Themen. Mal ein Tag für grundsätzliche Themen über den Alltag hinaus. Der richtige Tag für philosophische Themen, die den Menschen „an sich“ betreffen, jedenfalls diejenigen, die jetzt gerade nicht in der Kirche sind, wo einem klar gepredigt wird, was gut und böse ist.

Für die alten Griechen, so habe ich mal gehört, war gut und böse ziemlich einfach. Die Griechen waren Ästheten, sie liebten das Schöne. Also mußte für sie das Schöne auch gut sein. Das Häßliche jedoch … na ja, das war logischerweise nicht ganz korrekt. Die hatten aber auch gut reden, die Griechen. Lebten in einem wunderschönen warmen Land mit Mittelmeerklima. Hatten wunderschöne Städte. Und machten es sich so ziemlich einfach.

Würde man nun einen Griechen in unsere Hauptstadt versetzen, so würde er – als sinnlich geprägter Mensch mit viel Verstand – wohl erstmal drei Schritte zurück machen: Häßlichkeit, wohin das Auge blickt, Lärm, Gestank, Dreck, Hektik … er würde heimkehren mit einer Vision der Hölle, einer Hölle, die seine schlimmsten Alpträume in den Schatten stellt und gegen die die Vostellungen des „Orcus“, jener Unterwelt der Griechen, wie ein Blick in ein Gesesungsheim für Depressive wirkt. Dann mal gut, das wir alle keine Griechen sind und uns an die ständigen Terrorakte auf unsere Sinne schon gewöhnt haben.

Und nur gut, das diesem Zeitreisenden zu Hause niemand glauben würde. Man würde es schlichtweg nicht für möglich halten, das Menschen ihr eigenes Lebensumfeld so verunstalten, denn soviel Häßlichkeit macht krank, und Krankheit ist alles andere als „gut“. Möglicherweise würden die Griechen doch was unternehmen, um diese Zukunft unmöglich zu machen. Aber den Beginn dieser Zukunft, das römische Reich, hatten sie ja schon als „barbarisch“ erkannt und abgelehnt. Primitive Dekadenz erlangte Macht. Man merkte zu spät, wieviel Macht die erreichte.

Nun, aus unserer Sicht waren die Griechen böse, denn sie hatten Sklaven. Klar, einer mußte ja die Arbeit tun. Arbeit war … ein lästiges Übel. So lästig, das manche lieber ihr Leben in einem alten leeren Weinfaß am Strande verbrachten als den Tag mit Schufterei zu verbringen, so wie Diogenes zum Beispiel.
Sein Dialog mit Alexander dem Großen ist natürlich sehr romantisierend, Diogenes hatte auch andere Seiten,
sollte aber auch zeigen, das man sein Glück gegen Reichtum zur Not mit Verzicht auf denselbigen verteidigen muß.

Für uns … völlig fremde Gedanken. Reichtum gilt als Glück. Armut als Unglück. Einfache Gleichung, mit der man am Anfang seines Lebens vollgeschüttet wird und sich dann am Ende fragt: „Wie jetzt? Das soll´s jetzt gewesen sein?“ Eine Frage, die sich ein Odysseus nie gestellt hätte – er hatte noch „gelebt“.

Auch für die alten Juden war Arbeit ein Fluch und ein Übel, man schaue sich nur an, mit welchen üblen Wünschen der Herr sie aus dem Paradies vertrieben hat. Fortan mußten sie malochen wie die Tiere.
War den alten Juden ganz klar, das Arbeit Mist war. Gut war für die alten Juden ganz konsequenterweise nur eins: Gott. Hört sich ja auch ähnlich an, jedenfalls im Deutschen. Darum auch ihre seltsame Haltung zum Tod – sie fürchteten nicht den Tod an sich, der war in Ordnung. Sie fürchteten sich davor, in jenem nachtodlichen Zustand von Gott entfernt zu sein. Das war schlecht.

Spannender wird es, wenn man sieht (wozu man schon tiefer graben muß, als es ein Landpfarrer jemals tun würde), was denn dieser „Gott“ eigentlich war. Es wird spannend, aber auch gefährlich, denn: darüber durfte man ja auf keinen Fall nachdenken. Trotzdem läßt es sich erschließen.

„Gott“ war „Leben“, und „Leben“ war „Gott“.

Und darum war ihnen auch die Feuerrutsche des damals weithin aktiven Baalskultes, auf der man kleine Kinder lebend in den Feuerschlund der Statue schickte, ein Greuel (und, nebenbei bemerkt, sieht man an diesem kleinen Punkt vielleicht, warum ich dem „Bohemian Grove“ sehr skeptisch gegenüber stehe. Es stinkt nach altem Baalskult, was man davon sehen kann und zu hören bekommt) und sie haben ihn ausgemerzt.
Würden wir heute auch tun.

Das „Lenen“, „Lebendigkeit“ als Gott. Gar nicht so abartig, oder? Ich mußte diesen kleinen Exkurs machen, denn auch jenen alten Juden möchte ich kurz in unsere Hauptstadt entführen. Er ist nun … kein Ästhet. Aber auch er hat eine klare Vorstellung von Glück: im Kreise seiner Familie alt zu werden, mit möglichst viel Vieh und Land. Das ist Reichtum und Glück. Aber wie der ästhetische Philosoph wird auch dieser pragmatische Bauer vor Entsetzen erstmal drei Schritte zurückgehen – auch er ist ein sinnlicher Mensch.

Als Pragmat wird er nicht gleich weglaufen wollen. Teufel und Dämonen sind ihm aus seiner vorislamischen Umwelt Assyriens, Ägyptens, Babylons und Sumers gut bekannt. Er mag sich nicht, fürchtet sich aber auch nicht sonderlich vor ihnen, da ja sein Gott bei ihm ist….solange er lebt. Er wird das Treiben mehr beobachten … und eine Kultur des Todes sehen. In den Städten werden Kinder den Blechkutschen rücksichtslos und willkürlich zum Fraß vorgeworfen. In Fabriken und Haushalten sterben Menschen durch Maschinen und durch den „kleinen Blitz“, der sie antreibt. Sicherlich – die Auswahl ist zufällig, anders als im Baalskult. Aber geopfert wird weiterhin – in großer Zahl. Und da diese Kultur einen Wert hat, der höher ist als „Leben“ … wird sie für ihn böse sein.

Nun, schicken wir ihn … nicht gleich wieder zurück. Unterhalten wir uns ein wenig mit ihm. Über Arbeit.
Arbeit ist für ihn als Bauer die Grundlage von Reichtum. Von nichts kommt nichts. Gleichzeitig ist sie auch ein Fluch, dem man sich aber nicht entziehen kann … man hat eben Pech gehabt. Ist eben nicht das Paradies hier, aber Pragmaten wissen sich halt auch hier einzurichten.

Und dann … zeigen wir ihm mal mit einfachen Worten unser Konzept von Arbeit. Er wird aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Maschinen (die er zweifellos als sehr unheimlich empfinden wird, weil er für sie die Kategorie „totes Leben“ haben wird) könnten uns von dem Fluch der Arbeit befreien und uns allen Zeit geben, zu griechischen Philosophen zu mutieren, die den ganzen Tag nichts anders im Sinn haben könnten, als die Welt zu verschönern und damit „gut“ zu machen. Gut, der alte Jude würde lieber die Zeit zum Beten benutzen, aber das sei ihm überlassen. Stattdessen wir diese Chance aber nutzen … nehmen wir Millionen von Menschen den Zugang zum Reichtum – die Arbeit – weg und lassen sie wie Sklaven in zweieinhalb-Zimmer-Käfigen dahinvegetieren.

Es würde uns schwerfallen, diesem einfachen pragmatischen Bauern zu erklären, warum das jetzt „gut“ sein soll, denn diese Menschen werden von Geburt an zur ewigen Armut verdammt – und das wird ihnen dann auch noch vorgeworfen. „Sozialhilfedynastien“ werden herbeigebetet … als hätten sich die Menschen dieses Schicksal selbst ausgesucht. Man sollte nicht vergessen, das auch diese Menschen sinnliche Wesen sind … auf deren Sinne ein fürchterlicher Terror von Geburt an ausgeübt wird – wenn man mal die Maßstäbe einfacher Menschen anlegt, die jahrtausendelang in unterschiedlichsten Kulturen eine rein biologisch begründete Wirklichkeit waren. Das menschliche Auge, so sagt die Medizin, entspannt sich eher beim Anblick eines Waldes als beim Anblick einer Mülldeponie. Einfach mal selbst versuchen … da steckt schon was hinter…

Ich wäre auch versucht, einen alten Wikinger herbeizurufen, jedoch fürchte ich zu sehr, er würde sofort zur Axt greifen, sich mit Berserkerwut auf die Utgarddämonen stürzen – das wäre mir mit Hinsicht auf die Folgen für den Straßenverkehr nicht sehr zweckdienlich.

Also bleiben wir bei dem jüdischen Pragmaten, der mehr und mehr Strukturen des Todes, der Lebensfeindlichkeit beobachtet … und zu dem Ergebnis kommt, das etwas sehr Böses in dieser Stadt wirken muß. Und damit meine ich nicht Frau Merkel, Herrn Steinmeier oder Herrn Westerwelle.

Und unsere Form von Arbeitslosigkeit inmitten unermeßlichen Reichtums, wo (Maschinen)Dämonen zur Arbeit verpflichtet worden sind, würde er einfach nur als Folter begreifen. Als absichtliche, gezielte, willkürlich gestreute Folter (im Namen von Hartz IV), die ein Verbrechen gegen das Leben selbst darstellt (und somit gegen seinen höchsten Wert: Gott).

Wenn wir uns nun noch erlauben, ihm zu sagen, das das die Welt ist, die entsteht, nachdem der Erlöser erschienen ist – wird er uns für verrückt halten. Nun, dafür ist er dann auch wirklich der falsche Gesprächspartner. Denn jenes Gut und Böse, das uns im Sinn steht, ist ihm fremd. Er kennt noch keinen Teufel, keinen Christus, keinen Antichristen. Das … wird erst viel später ins Spiel gebracht.

Darum hole ich noch einen dritten Zeugen ins Spiel, einen wirklich bösen Menschen. Jedenfalls, wenn man Griechen, Juden, Germanen, Humanisten, Atheisten oder sonst einen vernünftigen Geist fragen würde.

Einen katholischen Inquisitor aus der Zeit der Hexenverbrennungen, original bewaffnet mit dem Hexenhammer unter dem Arm. Eigentlich sollte sich doch ein solch finsteres Wesen in dieser Kultur des Todes und der Angst sehr wohlfühlen.

Was er jedoch sehen wird, ist vor allem eins (wobei wir seinen Blick etwas erweitern müssen): sein Kampf gegen das Böse ist gescheitert, der Satan hat gewonnen. Gut – mit Frauen hat er ein gewisses Problem, das sei ihm zugestanden. Darum geht es mit hier auch nicht, sondern darum, das er etwas sehen wird, das wir wissen, aber nicht sehen wollen.

Für ihn existiert Samael, der Prinz der Gifte. Für ihn existiert Lillith, die große Hure. Und wenn er in die Hauptstadt der BRD blickt, so wird er sehen, das Gifte überall sind. In der Luft, im Wasser, im Essen, in den Menschen, in der Erde, in den Tieren. Und da „Sex sells“, wird er die Herrschaft der Hure Babylon an jedem Plakat, bei jeder Reifenwerbung, in jeder Zeitschrift erkennen. Und auch andere Dämonen wird er erkennen, zum Beispiel Mammon, jenen mächtigen Teufel, der das ganze Leben im Griff hat, ohne dessen Segen es kein Essen gibt, kein Obdach, keine Wärme. Nur giftige Luft und verseuchtes Wasser.
Und Arbeit … das zeigen die ein-Euro-Jobs … hat ihren Wert ohne seinen Segen völlig verloren.
Arbeit an und für sich – ist wertlos geworden.

Für ihn wäre es überhaupt keine Frage: die Welt ist zur Hölle geworden, der Antichrist regiert. Und er … der böse Menschenschlächter … würde laut schreiend fortlaufen, wahrscheinlich unter das nächste Auto.

Drei Zeugen aus drei Zeiten. Andere Zeiten, andere Sitten. Jedoch unsere stolze, aufgeklärte, ach so „gute“ Kultur kommt bei allen schlecht weg. Weil man Menschen die Arbeit nimmt, die ihnen Reichtum geben könnte und sie in einer Welt voller sinnlichem Terror gefangen hält. Kinderselbstmorde … ein recht junges Phänomen in der Geschichte der Menschheit … wären allen dreien aber völlig verständlich.

In dieser häßlichen Hölle will keiner lange bleiben. Erst recht nicht mit Hartz IV zur ewigen Armut im endlosen Reichtum verdammt, aber mit den negativen Folgen (den „Nebenwirkungen) dieses Reichtums für die Sinne tagtäglich zugeschüttet. Das ist Hölle, Folter, endlose Qual. Wenn man sich aber daran gewöhnt hat … kann man sich auch hier einrichten. Man merkt es ja kaum noch … das „Leben“ eigentlich viel schöner gedacht war.

Aber vielleicht sollten wir uns mal an die alten Zeiten, das „natürliche“ Leben erinnern, bevor wir uns auf eine Diskussion um die Zukunft einlassen. Damit wir wissen, was unser natürliches Menschenrecht ist, und wie man (dank der Hilfe der Griechen und Irokesen … aber das ist eine andere Geschichte) auf die Erklärung der allgemeinen Menschenrechte gekommen ist, ohne die die Welt in einen unsäglichen Abgrund stürzen wird.

Und Hartz IV … ist der erste Schritt dahin. Ein kleiner Schritt für einen Kanzler, aber ein großer Schritt für die Menschheit – nur leider in die falsche Richtung.

Und aus dieser Perspektive heraus … sind Busse, die mit der Aufschrift „Wahrscheinlich gibt es keinen Gott“ durch die Gegend fahren, nur eine zusätzliche Qual, die die allerletzte Hoffnung auf Besserung zunichte macht….und eine ewige Hölle verspricht. Aus guten Gründen zwar, aber der Gegensatz zu „gut“ muß nicht immer gleich „böse“ sein. Oft genug ist der Gegensatz zu „gut“ … „gut gemeint“.

Und „gut“ meinen es ja alle mit uns.



Die letzten 100 Artikel