Leben

Das Böse

Sonntag, 26.2.2012. Eifel. Ich habe das Glück, in einer Gegend zu wohnen, die vom Bösen ziemlich unangetastet blieb. Keine Hexenverbrennungen, 150 Jahre lang keine Morde, keine Nazis – ein faszinierendes Stück Welt, das die höchste mir bekannte Dichte an Gebetsheilern in Deutschland aufweist. Ob da ein Zusammenhang besteht, kann ich nicht sagen. Hier jedenfalls empfiehlt der Arzt noch den Wunderheiler, weil er selbst zwar keine Wunder wirken kann aber bei der Heilung von Krankheiten nicht auf sie verzichten möchte. Nun ist heute Sonntag – ein Tag, der sich gut zur Besinnung und Besinnlichkeit eignet – ein guter Tag, um sich einmal mit dem Bösen auseinander zu setzen. Immerhin: wir Menschen als Menschen haben keinen anderen Feind als das Böse, würde es nicht existieren, hätten wir keine Probleme, alle würden satt und geborgen im Wohlstand leben können.

Natürlich kommen wir scheinbar zuerst nicht um eine Begriffsdefinition herum – erst recht nicht, weil der Autor dieser Zeilen dereinst Philosophie studiert hat. Und doch – müssen wir hier erstmal auf eine Definition verzichten, denn: das Böse entzieht sich dem Verstand. Es ist kein Element der menschlichen Begriffswelt noch etwas, das sich intellektuell erschließen ließe, sondern etwas, das wir unmittelbar aus der Erfahrung heraus erkennen. Aus eigener Anschauung weiß ich das aus der Arbeit mit Kleinkindern, die unter frühkindlichen Autismus leiden und der menschlichen Sprache kaum mächtig sind … aber wann ein Tier “böse” wird, das können sie schnell formulieren.

Besser als kleine autistische Kinder können das natürlich Erwachsene beschreiben, die dem Bösen leibhaftig begegnet sind – das kann man in der Tat, wie es der Gerichtspsychiater Hans-Ludwig Kröber in der Zeit beschreibt:

 Für mich ist das Böse eine Wahrnehmungskategorie, eine Form des unmittelbaren Erlebens. So wie wir spontan etwas als schön oder eklig empfinden, so erleben wir auch ein bestimmtes Handeln – ob wir es wollen oder nicht – als böse. Im Angesicht des Bösen sind wir fassungslos, empört, die Welt ist aus den Fugen – weil jemand sie bewusst zerstört. Das gilt selbst dann, wenn man eine solche Tat später als Gutachter nachzuvollziehen versucht; häufig beschleicht einen da ein gewisses Kältegefühl, ein ungutes Kribbeln.

Sendeformate wie das “Dschungelcamp’” zeigen, das wir eine allgemeingültige Kategorie des Ekeligen in uns tragen, ohne das Ekelige zuvor intellektuell definiert zu haben. Für Liebe und Lust gilt das Gleiche – auch hier bedürfen wir nicht der philosophischen Definition, um zu verstehen, was gemeint ist … ebenso wenig wie bei dem Thema Gerechtigkeit. Doch lauschen wir weiter dem Gerichtspsychiater:

Aber das Böse ist umso augenfälliger, je eindeutiger es darauf abzielt, ganz bewusst das Schöne, das Heile, das Kindliche, die Zukunft zu zerstören.

Um über das Böse reden zu können, muss man es erst erlebt haben – so wie Eugen Sorg, der als Mitarbeiter des Roten Kreuzes und als Journalist Gegenden bereiste, wo das Böse triumphierte:

Ich arbeitete sieben Jahre lang in einer Kriseninterventionsstelle gegen Kindsmisshandlung. Später war ich als Delegierter des IKRK in Kriegsgebieten tätig. Zuerst im Südsudan, dann im auseinanderbrechenden Jugoslawien.Wir konnten mit Gefangenen reden, unter vier Augen. Dort bin ich zum ersten Mal mit extremer Grausamkeit und Mitleidslosigkeit konfrontiert worden. Mit Menschen, die kein schlechtes Gewissen beim Töten haben. Die ganze Atmosphäre ist erfüllt gewesen mit unvorstellbaren Blutgeschichten, Erzählungen von extremer Grausamkeit.

Leider erfahren wir Normalbürger im Westen nichts von diesen Exzessen.

Die westliche Welt will sich ihr Gärtchen bewahren, ihre Vorstellungen von einer heilen Welt. Journalisten sind nicht anders als die übrigen Leute, vielleicht sogar ein wenig ideologischer.

Wir wollen nichts von dem Bösen wissen … dabei ist es mitten unter uns:

Das Böse ist eine Versuchung, die umso stärker lockt, je grösser die Chance ist, dass man nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Das Böse ist das Extrem der Freiheit. Es geht um das Gefühl der Allmacht, dass man alles tun kann, was man will. «Ich habe Gott gespielt», sagte ein Krankenpfleger, der 24 Patienten ermordet hatte. Der Pfleger oder Arzt, der sich zum Herr über Leben und Tod seiner Pflegebefohlenen macht, der islamistische Selbstmordattentäter, der sich auf einem Markt oder in einem Strassencafé in die Luft sprengt: Es handelt sich um einen Akt der Selbstvergottung, um eine absolute Ego-Ekstase. Oder auch die jungen Leute, die ich in dem Buch erwähne, die in der Schweiz und in Deutschland ohne Not oder Affekt Menschen ermordeten oder zu Tode traten: Sie wähnten sich allmächtig und gehorchten nur dem einen Gesetz der unmittelbaren Erfüllung ihres Begehrens.

In der Tat könnten wir jeden Tag Opfer des Bösen werden … und werden es sogar. Wir erkennen es nur nicht immer, weil wir verzerrte Bilder des “Bösen” im Kopf haben – ein Blick nach Ruanda konnte da aufklären:

Bei diesen Gesprächen wurde deutlich, dass die Mörder keine sadistischen Psychopathen waren, sondern normale und intelligente Menschen, für deren Handeln es keine andere Erklärung gibt, ausser einer: Sie haben den Pakt mit dem Teufel geschlossen. Weil er ihnen Rausch und Lust und Vergnügungen verschaffte und weil sie glaubten, ungestraft davonzukommen.

“Rausch”, “Lust”, “Vergnügen” … an der Verstümmelung von Kindern mit Macheten. Macht schon Spaß, ihnen Arme und Beine abzuhacken und zuzuschauen, wie sie von Hunden gefressen werden, oder? Man braucht solche Bilder, um die Dimensionen des Bösen zu begreifen. Dabei ist es wichtig, das unsere Generation die Realität des Bösen begreift, eines Bösen, das sich in der Tat zeigt und nicht in der Person des bösen Psychopathen. Leider sind wir weit entfernt von solchen Erkenntnissen:

Ja, und das hat es noch nie zuvor gegeben, dass eine ganze Kultur das Böse als fehlgeleitetes Gutes, als reaktive Verhaltensweise, als Kinderglauben abgetan hat. Das Böse wurde immer als eigenständige Kraft begriffen. Kierkegaard sprach von der «unbegreiflichen Faktizität des Bösen».

Es hilft, zu erwähnen, das Eugen Sorg kein religiöser Mensch ist, aber gern die religiöse Begrifflichkeit benutzt, um zu verstehen, in welcher Gefahr wir uns als Menschheit befinden:

Ich zitiere in dem Buch katholische Intellektuelle, die ebenso glasklar erkannt haben: Hitler ist das Böse. Die haben viel mehr verstanden als die superintellektuelle, aufgeklärte Intelligenz. Sie haben erkannt, ohne Wenn und Aber: Das ist Antihumanität, das ist Antigott.

Sie hatten haben recht behalten, die katholischen Intellektuellen. Wenn wir heute als “moderne Menschen” das Böse als Kinderglauben abtun und gleichzeitig seine Erscheinungsformen aus der Berichterstattung verschwinden lassen … was folgt daraus? Verschwindet es dann, weil wir uns als Gesellschaft die Augen zuhalten?

Wagen wir doch mal einen aktuellen Blick in die Politik – und bewaffnen uns mit einer Definition, die die bisher geschilderten Erfahrungen einschließt und nennen jenes Böse, das absichtsvolle Zerstörung und Lüge mit sich bringt – so Rüdiger Safranski bei 3Sat, hier auf You Tube, wobei die Lüge hier eine neue Qualität darstellt.

Nehmen wir zum Beispiel die fortdauernde “Rettung” Griechenlands, deren Folgen gerade in der Welt beschrieben werden:

Von 330.000 Familien- und Mittelstandsunternehmen, dem Rückgrat der griechischen Wirtschaft, haben seit Mai 2010 rund 68.000 geschlossen; 135.000 Jobs gingen verloren. 2012 wird noch schlimmer, erwartet Korkidis. „Vier von zehn Mitgliedern machen Verluste. Bisher haben sie die halbwegs mit ihren Ersparnissen ausgeglichen.Aber ihre Reserven gehen zu Ende. Die Rezession vertieft sich.“ Treffen Kordidis’ Prognosen zu, geben in diesem Jahr weitere 60.000 Firmen auf.

Als Information aus der Wirtschaft sind wir solche abstrakten Daten gewohnt – praktisch heißt das: Hunger, Durst, Obdachlosigkeit … ein Elend wie in Afrika. Wir importieren Elend, anstatt es zu bekämpfen. Wie üblich, benutzt das Böse Ideologien, um seinen Trieben Raum zum Ausleben zu verschaffen: die Ideologie von den Notwendigkeiten der Marktgesetze – Gesetze, die niemals jemand formuliert noch jemals jemand beschlossen hat. Dabei geht es Griechenland in Wirklichkeit gar nicht so schlimm … hier greift aber die Lüge. Gleich der “Verschwörung des Weltjudentums” werden wir gefüttert mit Informationen über die Untermenschengriechen – dabei gibt es viele Länder die schlimmer verschuldet sind: zum Beispiel die USA. Dort jedoch gibt es keine Debatten über den Einsatz deutscher Steuerbeamte, die jetzt in Griechenland die Macht übernehmen sollen, stattdessen gibt es von dort neuen Druck auf Europa und nahezu perverse Forderungen nach noch mehr Steuergeldern, diesmal in Billionenhöhe.

Verständlich wird diese ausufernden Irrationalität nur durch den Begriff des Bösen … und wir haben dank der Literaturwissenschaft ja auch einen Ausblick auf das Personal, siehe Welt:

WELT ONLINE: In den Neunzigern wurden psychopathische Killer zum Inbegriff des Bösen. Sie erwähnen einen Satz von Patrick Bateman in Bret Easton Ellis’ Roman “American Psycho”: “Es gibt keine Schranken mehr, die man überschreiten kann.” Sagt er das auch stellvertretend für seine ganze Generation?

Alt: Dieser Satz, der eine Figur im Jenseits von Gut und Böse ansiedelt, ist sicherlich auch eine Beschreibung der postmodernen Upper-Class-Jugend der Neunziger.

Diese Upperclass-Jugend sitzt heute flächendeckend in entscheidenden Positionen. Wirklich undenkbar, das die sich “nine-eleven” ausgedacht haben, um mal wieder ungestraft fremde Länder überfallen zu können? Undenkbar … nur in einer Welt, die ihr künstliches Mediengärtchen für die Wirklichkeit hält, einer Welt, in der es kein Waterboarding gibt, keine Koranverbrennungen, keine sinnlosen Angriffskriege durch Demokratien, keine Leuna-Affäre und kein Hartz IV. Ja – so kam das Böse in die deutsche historische Wirklichkeit: durch Helmut Kohl, der dem Volk klar machte, das seine Spendenfreunde wichtiger waren als das Volk und der durch die “Bundeslöschtage” klar machte, das er alle Mittel nutzen würde, um dem Volk die Wahrheit über die Verschleuderung der Sachwerte der DDR zu verschweigen und durch Gerhard Schröder und seine Bande, die vorgaben, die Arbeitslosigkeit durch Druck auf die Arbeitslosen lösen zu wollen: Demütigung, Entwürdigung und Aberkennung der Menschenrechte inklusive.

Ja, erschreckend, oder? Wir verdrängen das Böse inzwischen so gut, das wir es nicht mehr bemerken, selbst wenn es sich vor unserer Haustür entfaltet – dabei ist es der gleiche Geist, der auch zur Hitlerzeit das Volk in die Bahnen lenkte: im Rahmen der öffentlich verkündeten Lügengespinste sind die Handlungen alternativlos.

Zeit, den Blick auf Hannah Arendt zu legen, sprachlich schwerer zu verarbeiten, aber von unglaublicher Aktualität:

Die Bedingungen für das Auftreten des radikal Bösen verortet sie in Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft (1951 auf Englisch) im Anspruch der totalen Herrschaft, auch hinsichtlich ihrer Möglichkeiten (und nicht nur in Hinblick auf die Subsumption der gesamten Gesellschaft unter die Herrschaft) total zu sein: „Aber in ihrem Bestreben, unter Beweis zu stellen, dass alles möglich ist, hat die totale Herrschaft, ohne es eigentlich zu wollen, entdeckt, dass es ein radikal Böses wirklich geben können. Als das Unmögliche möglich wurde, stellte es sich heraus, dass es identisch ist mit dem unbestrafbaren, unverzeihlichen radikal Bösen, das man weder verstehen noch erklären kann durch die Motive von Eigennutz, Habgier, Neid, Machtgier, Ressentiment, Feigheit.“ (Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 1996, S. 941). 

Es ist nicht die Gier, der Eigennutz, die Habgier, der Neid, die Machtgier oder andere menschliche Eigenschaften, die das Böse in die Welt rufen – und seine Folgen sind noch schlimmer als die bestialischen Quälereien, in der es sich ergießt.

Demnach war durch die Herrschaftsstruktur des Nationalsozialismus das Böse allgegenwärtig, und zielt auf die Abschaffung des Menschen als Menschen. Dabei werden nach und nach alle Menschen im Namen abstrakter Fortschrittsziele industriell vernichtet so dass nur Funktionsträgers der „organisierten Ohnmacht“ des totalitären Systems übrig bleiben. Die Funktionsträger können jederzeit ausgewechselt werden, so dass sie nur als Funktion, nicht aber als Person überleben.

Merkt man nun, wie dicht wir aktuell wieder an den Vernichtungslagern herangerückt sind, wie schnell aus “Hartz IV” “Dachau II” werden kann? “Im Namen abstrakter Fortschrittsziele” vernichtet das Böse die natürliche menschliche Solidargemeinschaft – bei uns, die wir sein Treiben schon mal erdulden mussten und deshalb sensibler reagieren sollten  - erst national, dann international. Es geht aber um viel mehr: es geht um die Vernichtung des Menschen an sich, des Menschseins, jeglicher Individualität, Kreativität, Liebenswürdigkeit – geduldet ist der Mensch in der neuen Zukunft nur, wenn und solange er reibungslos in seinem Hamsterrad läuft.

Was hier unter den schön und revolutionär klingenden Begriffen von “Reformen” aufgebaut wird, ist nichts weiter als ein noch größeres Reich des Bösen, in dem Menschen ihre Lust am Bösen hemmungslos ausleben können – solange es nur gegen Arbeitlose, Griechen oder Moslems geht. Kaum einer merkt, das die Zielgruppe der “Aussortierten” immer größer wird – in Deutschland selbst gehören schon Kinder und Jugendliche dazu: einfach mal genau hinschauen, wie “Hartz IV” sie bestraft, weil ihre Eltern von US-Beratern aus dem Betrieb wegrationalisiert wurden.

Sicher – noch bewahrt uns der staatstragende Journalist vor der Wahrheit, erschrickt und nicht mit den Konsequenzen jener Entwicklung, die gezielt alle Sicherungen abbaut, die wir – als Menschheit – nach 1945 gezielt aufgebaut haben.

Wovor er uns aber nicht bewahren kann, ist die leibhaftige Erfahrung des Bösen, wenn es wieder Rahmenbedingungen wie in Ruanda,  Auschwitz oder Guantanamo vorfindet und sich endlich wieder hemmungslos ohne Rücksicht auf persönliche Konsequenzen entfalten kann.

Was wir aber für das 22. Jahrhundert aus den kommenden europäischen Gewaltexzessen lernen können, ist mit Sicherheit eins:

das wir niemals wieder die Macht der Wirtschaft als “Fünfte Macht” im Staate vernachlässigen und unterschätzen dürfen, sie bedarf der gleichen Kontrolle wie die Gesetzgebung, die Rechtsprechung, die exekutive Macht und darf niemals die Freiheit des Journalismus für sich in Anspruch nehmen. Halten wir sie nicht im Zaum – wird es halt böse enden.

 



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