Eine kulturgeschichtliche Provokation des braven Deutschen
Brauchen wir eine Verschwörung für den vielbeschworenen Untergang des Abendlandes?
Ich sage: nein! Ein Anständiges Deutsches Volk reicht dafür völlig aus.
Woraus entfaltet sich die selbstzerstörerische Kraft unserer Zivilisation?
Ich danke dem Kommentator Volker Wulle für die anregende Frage und stelle hier meine ganz persönliche Antwort nach fünfunddreissig Jahren intensiver Beobachtung des gesellschaftlichen Wandels in der BRD in den Raum.
Sensible Leser bitte ich vorsichtshalber schon mal um Verzeihung fürdie folgende Kränkung ihres Stolzes und die Belastung mit so viel Verantwortung.
Der Mensch zerstört seine ökologische Nische nicht bewusst oder gar vorsätzlich. Er ist einfach wie alle Tiere opportunistisch. Seine Begabung zum vernünftigen Denken, die ihn vom Tier unterscheidet, benutzt er nachweislich nur für einen verschwindend geringen Teil seiner täglichen Entscheidungen, weil Denken sehr anstrengend ist, selten bessere Ergebnisse als das “Bauchgefühl” bringt, und vor allem: weil es meist auch keinen Lustgewinn verspricht!
Seinem Lustempfinden (oder auch Instinkten) aufgrund besseren Wissens zuwider zu handeln, gelingt dem Menschen in der Regel nur infolge einer guten Erziehung und im Rahmen einer hoch entwickelten Kultur. (Gute Vorsätze zu Sylvester scheitern daher meist.)
Eben diese Kultur ist aber seit vielen Generationen stark erodiert. Wo Menschen über Jahrzehnte nichts als den alltäglichen überlebenskampf kannten (ich meine z.B. die langen Kriegsphasen und die Epoche der Industrialisierung seit dem 19.JH), blieb kein Raum für menschliche Würde. Nur deshalb konnte es auch zur massenhaften Duldung und Mittäterschaft an solchen Greueltaten wie der schwarzen Pädagogik und dem Holocaust kommen.
Als Antwort darauf wurde der Schutz der menschlichen Würde im GG als oberster Staatsauftrag definiert. In den späten 1960er und 70er Jahren floss dieses Staatsziel tatsächlich sogar in die schulische Bildung und das Staatsfernsehen ein. Doch schnell erkannten die Herrschenden in diesem Land, dass die humanistische Bildung der Massen auf Dauer zu einer gerechteren Gesellschaft und damit zur Schleifung ihrer Privillegien führen wird.
Darum haben sie geschickt über ihre Massenmedien (allen voran über “Blöd dir deine Meinung”) die “öffentliche” Meinung davon überzeugt, dass Humanisten und wahre Christen (die fortan “Kommunisten” genannt wurden) sowie schmierige Gewerkschaftsfunktionäre die grösste Gefahr für Freiheit und Wohlstand sind – und Konsum und blinde Leistungswut deren Garanten.
Die Deutschen sind diesem genialen Propagandafeldzug gerne auf den Leim gegangen.
(Interessanterweise ein Re-Import aus den USA mit NS-Wurzeln, nachzulesen bei Noam Chomsky und bei wikipedia unter “Propagandamodell”.)
Warum? Weil sie sich unter dieser Ideologie endlich mit den noch reichlich vorhandenen Altnazis am Stammtisch und in der Familie versöhnen konnten, endlich von der anstrengenden staatsbürgerlichen Pflicht zur eigenen Meinungsbildung entbunden wurden, und genialerweise auch noch die Absolution für masslosen Konsum (für Christen unzulässig) und erneute blinde Gefolgschaft gegenüber den feinen Herrschaften erhielten.
Nebenbei wurden sie noch durch den Erwerb chromblitzender Fetische von der schmutzigen Arbeiterklasse in die vormals adelige Priesterkaste erhoben.
Bei einem so grosszügigen Angebot konnte man natürlich nicht nein sagen. So entstand der neue mainstream, bei dem die Aufgabenverteilung zwischen Bürgern und Regierung wieder in die alt-”bewährten” Bahnen fand: die Herrschaft übernimmt die Verantwortung, der Bürger lässt es sich gegen grosszügige Geschenke (bescheidener Reichtum für Facharbeiter) gerne gefallen, degeneriert gut versorgt vor sich hin und mosert nur noch kleinlaut am Stammtisch über die Regierung, die natürlich “an allem Schuld” ist.
Die Politiker hingegen beteuern ihre Unschuld, weil die Wähler eine verantwortliche Politik nicht akzeptieren würden. Die wollten ja mehrheitlich “mehr brutto vom netto” und “freie Fahrt für freie Bürger”!
Die Wähler sind natürlich genauso unschuldig, denn “die da oben machen ja doch, was sie wollen”.
So kriegt jeder, was er will – und am Ende hat wieder keiner von nix gewusst!
Bei dieser Rollenverteilung bedarf es keines Teufels und keiner Verschwörung, um schnurstracks in der Hölle zu landen…
Fazit: allein durch opportunistisches Verhalten aller demokratischen Mächte (Regierung, Medien und Wahlbürger) gelingt der Untergang der Kultur und die Rückkehr der Barbarei.
Sie erscheint – von einem Heer hochprofessioneller Marketing- Spezialisten mediengerecht inszeniert – als die strahlende “Herrschaft der Märkte”. Aber hinter der aufgeputzten Fassade verbirgt sich nichts anderes als das altbekannte Faustrecht des “Wilden Westens” im Zeitalter der Globalisierung!
Es ist keine Krise, sondern das Endstadium des westlichen Kapitalismus.
Selbst wenn – wie gegenwärtig zu beobachten – die europäischen neoliberalen Regierungen ihre gesamten Volkswirtschaften an Banken und Hedge Fonds verschachern und sämtliche Arbeitserträge künftiger Generationen durch Schuldanerkenntnisse an sie abtreten, um sich noch ein paar Monate über Wasser zu halten, können sie die gegenwärtige Phase des Zerfalls damit doch nicht verhindern, sondern nur verlängern…
Der unausweichliche Zusammenbruch der staatlichen Ordung wird unter der vorherrschenden Mentalität zu einem ebenso opportunistisch gesteuerten Wiederaufbau und damit erneuter Zerstörung führen, denn in der Natur (ja, dazu zählen wir immer noch!) haben rein opportunistische Systeme keinen Bestand. Dafür bräuchten sie ein starkes, am Gemeinwohl orientiertes Gegengewicht, das in der Massengesellschaft nur aus einer “zivilisierten” Kultur erwachsen kann – deren letzte Reste wir gerade in unserem gnaden- und alternativlosen Konkurrenzkampf auslöschen.
Immerhin: halten wir uns auf diese Weise ran, gibt es bald keine Massengesellschaft mehr. Dann werden die überlebenden sich wieder – gesellig wie sie nun mal sind – zu überschaubaren Verbänden zusammenfinden, in denen gruppenschädigendes Verhalten Einzelner nicht in der Masse verborgen werden kann und antisoziale Individuen von der Gruppe zur Rechenschaft gezogen werden: das Gleichgewicht zwischen Egoismus und Gruppenbedürfnissen ist wiederhergestellt und co-evolutionäre Entwicklung wieder möglich…
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Der Dank geht an den Einsiedler, der einen Kommentar zum Gastbeitrag machte.






































mhh.
Eigentlich ist es einfach nur so, wenn ich es mit eigenen Worten sagen darf, es gibt Dinge die Menschen tun, die sind in Ordnung, andere nicht. Es gibt Ideen die Menschen haben, die relevant werden, andere nicht(deshalb hab ich auf Dawkins verwiesen).
Es ist alles nicht ganz so einfach zu erklären.
Wilhelm Reich hat das in der “Massenpsychologie des Faschismus” versucht.
Man kann sich aber auch umsehen und umhören und versuchen zu verstehen, wie man Menschen dazu bringt sich gegenseitig zu zerstören.
Kampf/Flucht/Erstarrung, das ist der Trauma-Mechanismus, und den haben wir ererbt. Und das wird ausgenutzt, Wissen wie man Menschen manipulieren kann.
Heute macht man das zuallererst mit Versprechen von Geld und Status, und wenn das nichts bringt mit Zwang und Gewalt.
Ich versuch sicher an das gleiche Problem heranzukommen, ich drück mich eben anders aus.
Wichtig wäre es einfach das Problem zu verstehen und Lösungen zu finden.
Grüße.
Posted by silv. | 25. Januar 2012, 15:19“Wo Interessen konvergieren, braucht es keine formale Verschwörung.” (Zitat von irgendwem)
Wenn ich deine Argumentation richtig verstanden habe, so gelang es in Deutschland, genügend Menschen mittels Propaganda auf gemeinsame Interessen, auf einen erbarmungslosen Materialismus, einzunorden. Das, was man als Ökonomisierung des Alltags und sogar des Privatlebens wahrnehmen kann. Dadurch kann sich antisoziales Handeln besser maskieren, da es für die Allgemeinheit “normaler” wirkt, im Extremfall sogar nachvollziehbar. War es also keine “Verschwörung”, mit aller zur Verfügung stehenden Macht den Zeitgeist zugunsten von Einzelinteressen weniger Profiteure zu manipulieren?
Zu Dawkins et al.: ich hüte mich davor, gesellschaftliche Ordnung der Menschen durch “natürliche Ordnung” begründen zu lassen. In der Natur findet sich mehr, als landläufig in diesem Kontext so zitiert wird: Insektenvölker, Rudel, Schwärme, (Delphin-)Schulen, Einzelgänger… zig unterschiedliche Ordnungen, und keineswegs überlebt hier immer der “Stärkere”. Den Zeitgeist, von dem einige wenige profitieren, als schlüssige “natürliche Ordnung” hinzustellen, ist identisch mit einer absolutistischen Herrscherklasse “von Gottes Gnaden”, die ihren Machtanspruch ebenfalls durch ein Glaubensprinzip höherer Ordnung begründet.
Posted by Klingelhella | 24. Januar 2012, 17:05@SILV.: Den aus USA re-importierten Propagandafeldzug gegen angebliche “Kommunisten” kann man wohl noch nicht als Faschismus bezeichnen. Er führt aber ebenso wie dieser zu einer Pseudo-Religion und Massenwahn, wie wikipedia hier darlegt: http://de.wikipedia.org/wiki/Propagandamodell:
“In den USA der späten Achtziger war der Antikommunismus in der Bevölkerung als Ideologie so vollständig internalisiert, dass Chomsky und Herman vom „Anticommunism“ als „dominanter Religion“ sprechen. Durch diese vollständige Internalisierung standen Medienvertreter unter dem ständigen Druck, keinerlei Zweifel an ihrer antikommunistischen Haltung zuzulassen. Die Ideologie half der Bevölkerung, einen Feind des Vaterlandes klar zu definieren, was der Politik erleichterte, die Bevölkerung gegen diesen Feind zu mobilisieren. Durch die unscharfe Beschreibung des Feindes als „Kommunist(en)“ konnte die Ideologie aber dazu benutzt werden, sämtliche politischen Bewegungen als feindlich zu stigmatisieren, die Eigentumsinteressen infrage stellten oder das Gespräch mit kommunistischen Staaten und Radikalen förderten. Zudem führte die Internalisierung der Ideologie zu einer asymmetrischen Betrachtungsweise von Radikalität: Während ein Sieg des Kommunismus als größtes anzunehmendes Übel angesehen wurde, galt die inländische Unterstützung von faschistischen Gruppierungen als geringeres Problem.”
Warum also ist der Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind und stigmatisiert stattdessen jene, die den Eigentumsbegriff der Verfassung eben gerade verfassungsKONFORM verstehen, nämlich INKLUSIVE seiner Sozialverpflichtung, was den etablierten Parteien im Traum nicht mehr einfällt. HIER müsste der Verfassungsschutz also eingreifen, wenn er denn seinen Namen verdiente.
Es sind die etablierten Parteien, die den Grundgedanken der Verfassung, nämlich den Schutz der Menschenwürde, systematisch untergraben (z.B. durch H4). Sie wollen echte Demokratie (zu der unabdingbar der Schutz der Menschenwürde gehört) durch Wahlfolklore ersetzen und müssen daher beobachtet werden!
Posted by Einsiedler | 24. Januar 2012, 14:23Diese Fragen behandelt übrigens auch R. Dawkins in “Das egoistische Gen”.
Gern wird da aber nur der Titel als Begründung für den Zeitgeist genommen und nicht beachtet was erörtert wird. Es geht um Strategien, die allgemein überlebenstauglich sind, um Ideen und Ideologien.
Dawkins`s Gottesleugnung verweist dabei, näher betrachtet, auf ein schöpferisches Prinzip, eine Gesetzmäßigkeit der Evolution.
Aber meine Hoffnung ist, gerade weil wir auf dem brennenden Holzweg sind, haben wir die Chance für ein neues Weltbild.
Es ist auch gut, dass durch das “Zwickauer Trio” der Faschismus wieder zur Debatte steht, der ist nämlich ein weltweites Problem- und wie du schreibst auch ein “Re-Import” aus “Freundesland”, wo er anscheinend gerade wieder gravierende Züge annimmt. Und- er muss auch als charakterliche Frage wiedererkannt werden.
Vielen Dank für den Artikel.
Grüße.
Posted by silv. | 24. Januar 2012, 11:13