Moderne Mythen

Terror in Norwegen, das Böse und die naturwissenschaftliche Kultur

Heute gehe ich mit den Kindern ins Kino: Harry Potter muss es sein. Die Sage vom Kampf des Guten gegen das Böse. Als jugendlicher Atheist stand ich einst sehr verwundert vor dem Phänomen: Star Wars, der Herr der Ringe – so etwas sagte mir nichts.  Billige Märchen für kleine Kinder …  und doch musste ich wahrnehmen, das die Menschen – die modernen, aufgeklärten Bürger eines säkularen und durchrationalisierten Rechtsstaates –  diese Märchen lieben. Der Grund scheint einfach: solange das Böse erlebbar ist, fällt es schwer, nicht daran zu glauben. Wenn die Kultur selbst im Kampf gegen das Böse völlig versagt, dann muss sich das Gemüt auf andere Weise Luft verschaffen: zum Beispiel durch Märchen, die die Hoffnung fördern, das es neben den finsteren Superwesen auch Engel gibt, Zauberer, die für die Menschheit streiten.

Die Muster für diese Geschichten sind uralt, zieren die ältesten Mythen der Menschheit: der Zauberer im Kampf gegen die finsteren Mächte, die sich als Krankheit oder Wahnsinn in der menschlichen Gemeinschaft manifestieren können. Wir sehen das heute noch genauso. Der Mönch Anselm Grün vergleicht in einem älteren Werk den Kampf der “Wüstenväter” mit den Dämonen mit psychoanalytischen Kategorien – und stellt keinen Unterschied fest. Die einen nennen das so, die anderen so – das Phänomen jedoch ist das gleiche.

In der Philosophie ist man solche Perspektiven gewöhnt. Auf der einen Seite stellt der Vatikan eine Zunahme der dämonischen Aktivitäten fest und forciert die Ausbildung von Exorzisten, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Auf der anderen Seite beschreiben wir eine Zunahme psychischer Beeinträchtigungen – Einweisungen wegen Depressionen haben sich in zehn Jahren in Deutschland  verdoppelt, weltweit sind es gerade die reichen Länder, die die Statistik anführen. Glück kann man eben doch nicht kaufen … vielleicht sogar gerade nicht.

Es ist in erster Linie die naturwissenschaftliche Kultur, der wir die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Bösen zu verdanken haben – und auch seine Förderung. Wir kümmern uns sehr detalliert um die Hardware, um das Gehäuse und die Leistungsdaten des PC. Die Software hat gefälligst von selbst zu laufen. Der Fall der Massenmorde in Norwegen zeigt, das selbst die ausgeklügelte Hardware die Bösen nicht aufhält, finster formuliert könnte man sagen: die Naturwissenschaften sorgen nur für ihre bessere Bewaffnung, für bessere Werkzeuge der systematischen Überwachung und Unterdrückung, doch das Böse selbst können sie nicht aufhalten.

Sie können es noch nicht mal theoretisch erfassen, darum sind sie so oft fassungslos, wenn sie ihm begegnen. Da ist der Schamane oder indianische Zauberpriester gefestigter, er weiß sofort, was los ist: Depressionen, Massenmord oder Wirtschaftskrise – da ist der Teufel am Werk. Sie haben es gut, diese magischen Menschen: ein Zauberspruch hier, ein Kräuterchen dort, etwas räuchern – schon ist sie fort, die Depression, der Geist im Massenmörder gebannt, der Fluss der Wirtschaftsgüter harmonisiert.

Wir hingegen züchten “Bloodlands” … eins nach dem anderen. Wie es dort unter anderem aussieht, beschreibt die Welt in einem Artikel über “die Ökonomie der Apokalypse”:

Die Verhungernden aßen zunächst ihre Haustiere, dann Gras, schließlich machte sich der Kannibalismus breit. Eltern aßen ihre Kinder, Kinder ihre Eltern. In einem Waisenhaus entdeckte die Erzieherin, dass die Kinder über das schwächste Kind hergefallen waren und an ihm knabberten, während es selbst aus dem eigenen Körper Fleischstücke riss und in den Mund stopfte.

Wundert man sich über die Genese des neuen Mythos: der Zombie, der sich von seinen Mitmenschen ernährt? Er berührt reale Ängste. Hitler und Stalin betrieben die Ökonomie der Apokalypse (Deutschland hat dabei den ersten Platz gemacht – aber dankenswerterweise den Krieg verloren) – ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland durch Hartz IV: die Streichung der Regelsätze ist im Prinzip (noch nicht in der Dimension – aber das ist der kleinere Schritt) ein Teil der Ökonomie der Apokalypse, der zu solchen Erscheinungen führen kann, wie wir sie im russischen Waisenhaus vorfanden: “Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen”.

Das ist einfach nur Böse – und das ist die Kategorie, in die der Massenmord von Oslo gehört. Da geht es nicht um den albernen Streit von “rechts” und “links”, in dem es lediglich darum geht, wer dieses Jahr etwas mehr Geld bekommt: der angestellte Manager oder die angestellte Fachkraft weiter unten, hier geht es um allergrundsätzlichste Erscheinungsformen des Bösen – über das man als Phänomen auch nicht weiter diskutieren muss oder diskutieren kann, eine Grenze die auch die Psychologie nicht überschreiten kann:

Da er offenbar nicht manifest schizophren oder wahnhaft ist, muss man aus psychiatrischer Sicht von einer schweren Form einer schizoiden Persönlichkeitsstörung ausgehen, die vordergründig „normal“ daher kommt.

Persönlichkeitsstörungen (Hitler, Goebbels, Pol Pot, Kim Jong-il etc., die Liste ist sehr lang) können in ihrer Gefährlichkeit wesentlich aggressiver sein als wahnhaft-schizophrene Erkrankungen.

Normale Menschen kennen “das Böse” als emotionale Wahrheit – es ist ein Problem der Software. “Schwere Form einer schizoiden Persönlichkeitsstörung” ist eine schöne Worthüle, die im Prinzip nichts aussagt, als genau das: das war ziemlich böse.

Wie böse nun die Erfinder von Hartz IV waren, entscheidet sich an ihren Intentionen, da sie aber im Prinzip die Waffe “Hunger” als legitimes Mittel im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit im eigenen Volk eingesetzt haben, können sie schon mal in jene Schublade gesteckt werden, in denen die Stifter von “Bloodlands” liegen.

Der Massenmord von Norwegen, die deutschen Hungersanktionen oder die Zunahmen an Geisteskrankheiten der weitgehend untödlichen Art sind jedoch nicht die einzigen Erscheinungsformen des Bösen – der US-Haushaltsstreit kann schon in wenigen Wochen zu einem Kollaps der Weltwirtschaft führen und zu einer Wirtschaftskrise, die mehr Hunger in die Welt setzt als alle anderen Krisen zuvor. Eine Gesinnung, eine Haltung, die solche Möglichkeiten billigend in Kauf nimmt, ist schlichtweg – böse, so böse wie der Gebrauch von Massakern als Marketinginstrument - gleichwohl ist es auch sehr vernünftig – einfach mal die Täter selbst fragen.

Es ist nicht nur ein Attentäter, der uns auf besonders drastische Art und Weise klar macht, das das Böse durch Technik nicht aufzuhalten ist. Aus der Sicht anderer Kulturen ist es eine breite Offensive des Bösen, die die Welt des weißen Mannes überrollt, aber der weiße Mann selbst kann das nicht mehr sehen. Er liegt tot im Gras, obwohl er das teuerste und modernste Handy der Welt besaß. Das Handy … hätte ihn aber auch nicht vor dem Hunger beschützt.

Den “Experten” in den “Talkshows” mag dies alles entgehen, aber ich glaube, das die ganz normalen Menschen dieses Gefühl für das Böse mit anderen normalen Menschen aus anderen Kulturkreisen teilen – wo man Babys als Pfand behält, ist etwas sehr Böses am Werk. Die Menschen fühlen sich allein gelassen mit ihrem Erleben (und trotz der Exorzisten merke ich diese Tendenz auch bei Katholiken), das in den gigantischen naturwissenschaftlichen Theoriengebäuden keinen Platz findet, Theoriengebäuden, die in erkenntnistheoretischer Hinsicht noch luftiger sind als die Channelingphantasien der Esoterik – die Erforschung “extrasolarer Planeten” wird zwar staatlich finanziert (um nur ein Beispiel zu nennen) – aber hat auch nur einer mal einen gesehen? Es sind Theorien, die sich auf Hypothesen, Annahmen und Vermutungen stützen, aber aus Kreisen und Politik und Wirtschaft gerne als “Wahrheit” durchgesetzt werden, wobei man jene, die sie anzweifeln, gerne mal als “psychisch krank” darstellt.

Soll es etwa gesund sein, Geld für die Erforschung extrasolarer Planeten auszugeben, wofür man Kindern von Arbeitslosen den Hartz IV-Satz streicht?

Es sind auch Erfahrungen dieser Art, die den Menschen das Gefühl vermittelt, das etwas Böses umgeht – und ich vermute, das sie deshalb in die Passivität versunken sind. Das Böse hat eine Nebenwirkung, die jeder kennt: es macht Angst, Angst wie die vier Reiter der Apokalypse, gerne als Krieg, Pest, Hunger und Tod dargestellt – wobei der vorzeitige Tod gemeint ist, nicht der Alterstod. Der dritte Reiter steht im Übrigen auch für … Inflation.

Nun kann man die Frage stellen: sollen wir jetzt eigentlich alle den Exorzisten zu Hilfe rufen?

Ich hoffe, das man so weit nicht gehen muss.

Aber wir könnten den Blick für das Böse schärfen und es benennen, wo wir es antreffen – und all jenen Versuchen widerstehen, des es verharmlosen wollen, es als absurden Sonderfall der Geschichte verniedlichen und möglichst so schnell wie möglich verdrängen wollen. Dazu gehört, das wir ein kritisches Auge auf jene Menschen haben, die das Böse bewußt und gezielt fördern: einfach, weil sie es “geil” finden:

Schaut man sich Breiviks Steuererklärungen aus den vergangenen Jahren an, fällt auf, dass er schon seit 2006 kein offizielles Einkommen mehr hatte. Trotzdem explodierte sein Vermögen im Jahr 2007 von 7471 auf 631.663 Kronen – rund 81.000 Euro. Eine Erklärung dafür gibt es bislang nicht. 

Solche Menschen gibt es nicht?

Oh doch. Die Krone unserer Gesellschaft (bzw. der US-Leitkultur) pflegt einen solchen Kult, in der symbolische Kinderopfer vor einer Eulenstatue dargebracht werden. Erinnert man sich, das die Eule u.a. die kinderfressende Dämonen Lillith darstellen kann. Ob und wie diese Kultisten nur in ihrer College-Vergangenheit schwelgen oder aus Überdruss und Langeweile zum puren Vergnügen einfach mal das fördern, was Alltags verboten ist (… wer meint, das wäre ein befremdlicher Zug, der sollte  sich mal den Kölner Karneval genauer anschauen …) kann letztlich nicht beurteilt werden, solange Geheimhaltung oberstes Gebot dieser Zirkel ist.

Solche Menschen aber … werden Wirtschaftskrisen nicht verhindern.

Sie finden sie “geil” – gibt Superbilder im Fernsehen, Splatterhorror vom Feinsten … alles live und real. Für solche Bilder geben auch heute schon Menschen viel Geld aus.

Die naturwissenschaftliche Kultur wird die Massenvernichtung von Menschen nicht aufhalten können – aus naturwissenschaftlicher Sicht spricht nichts dagegen … eher etwas dafür: die genetische Vielfalt könnte sich erhöhen, wenn man den Menschenanteil am genetischen Material reduziert. Manch einer wollte schon als tödlicher Virus wiedergeboren werden, um die Welt vor den Menschen zu schützen – wer weiß, was solche Leute jetzt gerade wieder anrichten. Die naturwissenschaftliche Kultur ist ratlos, fassunglos und machtlos, wo sich das Böse entfaltet, weil … das Böse eben ein geisteswissenschaftliches Problem ist, das aber nicht durch die Tatsache verschwindet, das die eigene Wissenschaft keine Kategorie hat, die es erlaubt, es wahrnehmen zu können.

Für Naturwissenschaftler sind aus dieser Sicht extrasolare Planeten realer als Massenmörder – letztere sind einfach viel zu unvernünftig, als das man sie ernst nehmen könnte. Andererseits ist das Massaker als Marketinginstrument

Und schon wissen wir, das es einen ganz einfachen Grund für die Zunahme des Bösen in der Welt geben könnte: wir ignorieren es bewusst – bis es uns tötet.

Deshalb scheint es mir verständlich, das die Menschen sich Mythen zuwenden, in denen das Böse direkt bekämpft wird, anstatt das man nur dauernd über seine schlimmen Folgen klagt.

 

 

 

 

 

 

 

 



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