Ich sage es besser gleich vorne weg: John Perkins Buch “Bekenntnisse eines Economic Hit Man” hat Schwächen. Es gibt einige logische Brüche in seinen Erlebnissen, seinem Lebenslauf und seiner Arbeitsbeschreibung, die man vielleicht gerne überliest, weil das Thema so brisant ist. Ich kann nicht beurteilen, was in diesem Buch wahre, erlebte Geschichte ist, weil der Autor auch jahrzehntelang sein Geld durch tarnen, tricksen und täuschen verdient hat. Manches wirkt seltsam naiv in seinem Buch (zum Beispiel die Geschichte über seine verschiedenen, von seinem Auftraggeber angefertigten Lebensläufe), andererseits fehlt die klare Verbindung – SEINE klare Verbindung zur politischen Welt in den USA.
Was er aber geschaffen hat, ist: einen Begriff. So sind wir Menschen halt: wir brauchen Begriffe, um uns über Phänomene austauschen zu können. Haben wir die Begriffe nicht, erkennen wir das Phänomen nicht. Korporatokratie, die Herrschaft der Konzerne, ist etwas, das wir täglich bemerken, kaum ein Tag vergeht, wo ihre Anschläge nicht sichtbar werden:
So langsam denke ich merkt es jeder: es wird eng auch in diesem Land. Gestern erstmal wieder den gesamten Sozialhilfeetat einer einzigen Bank zusätzlich in den Rachen geschoben und heute schon kommt der Hinweis: es könnte noch viel mehr werden:
Hypo Real Estate hat 80 Milliarden in PIIGS-Staaten stecken
Die Hypo Real Estate ist weiter stark in den schuldengeplagten EU-Ländern tätig. Damit ist sie wie keine andre Bank von einer Staatspleite oder einzelnen Ausfällen bedroht.
Quelle: Wirtschaftsblatt.at
Das Spiel der Ausplünderung ganzer Volkswirtschaften läuft also weiter. Was eben so weiter läuft: die Bildung und Ausbildung einer Kosmokratenkaste in Deutschland, etwas das früher aus gutem Anstand und Sitte heraus noch nichtmal gedacht worden wäre, läuft heute als Selbstverständlichkeit: Parteispitzen gehen in Konzerne, Konzerne schicken Mitarbeiter zur Gesetzesentwicklung in die Ministerien und über allen folgenden Transaktionen wacht der Bankenclan.
Perkins nennt diese Herrschaftsform Korporatokratie, Jean Ziegler ihre Akteure Kosmokraten. In Deutschland können wir einige Namen dieser Clique nennen, die schon Günter Ogger in seinem Werk “Nieten in Nadelstreifen” kritisiert hat, wir kennen (zum Teil) ihre Netzwerke, ihre Medienmacht und ihre gesellschaftlichen Ziele, die in nichts anderem bestehen als in der völligen Ausplünderung unserer Sozialkassen.
Es wird nicht anders mit uns verfahren als mit einem Entwicklungsland: man greift sich gezielt einige wenige heraus, die man mit Geld überschüttet, damit die einem helfen, den Rest des Landes auszunehmen. Ist man damit fertig – schmeißt man das Land weg. Es wird dauern, bis sie mit Deutschland fertig sind, weil wir so viel haben, aber jeder merkt täglich an der Zapfsäule oder den TEuro-Preisen im Geschäft wie das Geld in großen Mengen abfließt.
Es ist das erste wirkliche weltumspannende Imperium, das für seine Feinde einen Riesennachteil hat: es hat keinen festen Ort an dem es zu Hause ist. Einfach nach Rom marschieren nützt heute nichts mehr. Gleichzeitig ist es aber überall, nach sechzig Jahren gezielter Ausbreitung bestimmt es, was wir essen, was wir an Bildung zu uns nehmen, was wir für Musik hören und welche Kleidung wir tragen – es definiert unseren unpolitischen Platz in der Gesellschaft bis ins Detail und sorgt dafür, das wir nach altrömischer Manier beschäftigt bleiben: an der Stelle von Brot und Spielen treten Burger und Game Shows.
Wir dürfen auch Politik machen, das stört das Imperium nicht. Einfach hinein in die Parteien – wer sich bis obenhin durchboxt wird gekauft … oder kaltgestellt. Politische Richtung spielt keine Rolle. Widerstand gegen diese Praxis gibt es auch in den Parteien, denn die Bruchlinie der Korporatokratie und der Kosmokraten läuft direkt quer durch alle gesellschaftlichen Institutionen – Kirche inklusive. Nach sechzig Jahren ist alles subversiv durchsetzt und mehrfach abgesichert, damit das große Abkassieren ungestört weitergehen kann.
Die Prinzipien sind die gleichen wie im römischen Imperium – ein gut ausgebautes Transport- und Kommunikationsnetz, eine dichtes Netz von Stützpunkten in unterschiedlicher Größe, von denen aus Herrschaft möglich ist und schon ist das Imperium da. Was in den Dörfern der besetzten Gebiete geschieht, interessiert nicht, wen die als Häuptling wählen, ebensowenig – Hauptsache, die liefern pünktlich ihren Tribut ab.
Was sich geändert hat, sind die Waffen. In einer perfekt bis ins Detail durchorganisierten Welt braucht man das Leben eines Menschen nicht mehr mit der Lanze zu bedrohen: Arbeitslosigkeit reicht vollkommen. Hunger war als preiswerte aber perfekte Waffe schon den Römern gut bekannt.
Widerstand gegen dieses Imperium scheint von vornherein undenkbar … und hier wundert mich die Naivität des Economic Hitman John Perkins, der meint es wäre möglich, die Konzerne zu Werkzeugen der Menschlichkeit umzubauen, die weltweit für Frieden und Wohlstand sorgen. Sicher, theoretisch wäre das denkbar. Mit der Gestaltungsmacht der Großkonzerne könnte man die Welt in kürzester Zeit in ein Paradies verwandeln, wo jeder Mensch nur noch soviel zu arbeiten braucht, wie er gerade mag, jeder in materiellen Wohlstand lebt und alle glücklich und zufrieden den Tag genießen.
Schade nur, das die Personalauswahl gerade die herzlosen Egozentriker bevorzugt, weil sie eben nicht will, das da auf einmal “Sozialromantiker” Politik machen – das könnte ja das Imperium gefährden.
Wir könnten uns auch mit dem bislang historisch gesicherten Satz zufriedengeben, das jedes Imperium bisher zusammengebrochen ist – einfach ein paar Jahrhunderte warten, dann löst es sich schon irgendwie auf. Oder wir haben Pech, befinden uns am Ende der Geschichte und es kommt danach nichts mehr außer der Diktatur der Kosmokraten, die solange dauert, bis auch das letzte verwertbare Element des Planeten in materiellen Müll einerseits und immateriellen Kontostand andererseits umgewandelt worden ist. Die Erde sieht dann aus wie der Mars (und wir sind ja schon auf dem besten Wege dahin) aber Hauptsache die Eigenkapitalrendite stimmt.
Oder wir entscheiden uns angesichts unseres unvermeidlichen Todes und persönlichen Untergangs unser eigenes Leben lieber aktiv zu gestalten und schon alleine das ist Widerstand.
Jeder Widerstand gegen frühere Diktatoren fing damit an, das man sich eine sichere Basis suchte. Berge, Wälder, Sümpfe, ein Schiff … Hauptsache erstmal weit weg.
Die sichere Basis kann man teilweise heute sehr bequem haben: einfach den Fernseher auslassen und keine Zeitungen mehr lesen. Die Medien gehören heutzutage einer Handvoll Menschen, die bestimmen, wie unsere Wirklichkeit aussieht. Es macht keinen Sinn, sich dem auszuliefern, denn Kultur und Religion das Materialimus – jener notwendige Grundpfeiler der Ideologie der Korporatokratie – werden in jedem Beitrag gefördert.
Förderlich wäre, alles in Frage zu stellen. Wirklich alles. Gibt es wirklich keinen Gott, keine Götter? Wo ist der Beweis dafür? Gibt es wirklich kein Leben nach dem Tode? Wo sind die Beweise? War vor der Geburt wirklich gar nichts?
Wenn wir erstmal anfangen, die Welt wieder als wundervollen Ort voller wundervoller Möglichkeiten zu begreifen, werden wir merken, das unser Leben an Qualität zunimmt, weil unsere Neugier, unsere Phantasie und unsere Kreativität wiedererweckt werden – auch wenn wir zu diesen und anderen Fragen keine Antworten finden werden weil sie nicht beantwortbar sind. Die menschlichen Sinne sind zu schwach um außer gelegentlichen Schatten und Gespenstern mehr von der Welt hinter der Wirklichkeit zu erfassen, wir müssen uns damit anfreunden, das unsere Ohren und Augen nicht alles mitbekommen, was die Welt an Qualitäten zu bieten hat. Wir brauchen auch nicht alles mitbekommen, denn diese Sinne sind nicht dazu gedacht, die Welt zu beherrschen, sie sind dazu gedacht sie zu genießen … und das können wir immer weniger, auch deshalb, weil die sinnliche Qualität unserer Wahrnehmung nachläßt – auch weil die stinkende, lärmende grelle Wirklichkeit unserer Innenstädte die Abstumpfung der Sinne zu einem Segen werden läßt.
Wir brauchen keine Antworten auf dieses letzten Fragen: wo komme ich her, wo gehe ich hin, was ist mein Platz in der Welt? - aber wir sollten uns niemals von niemanden die Freiheit streitig machen lassen, diese Fragen stellen zu dürfen …. wo diese Freiheit schon in Gefahr ist, steht die Diktatur nicht mehr in der Tür, sie ist schon eingetreten.
All jene dialektischen Kniffe, die Welt in Gegensatzpaare aufzuteilen, von denen eins richtig und eins falsch zu sein hat (so wie letztens hier aufgetaucht: Pragmatismus kontra Mystizismus) führen in letzter Konsequenz zum Konzentrationslager und Völkermord, weil sie eine ausschließliche Wahrheit gegen eine absolute Falschheit mit allen Mitteln verteidigen müssen. Rechts gegen links, oben gegen unten, Religion gegen Wissenschaft, Migration gegen Deutschland … die Gegensatzpaare sind beliebig austauschbar und werden auch beliebig ausgetauscht: Hauptsache, das Volk dreht sich weiter um sich selbst.
Dabei haben wir Menschen etwas, das vollendet mystisch ist und Sinn unseres ganzen Treibens sein sollte: früher nannte man es Liebe. Das gibt es heute nur noch selten. Ein Phänomen, das enorm stört und deshalb ausgemerzt wird – mit äußerst häßlichen Folgen. Das Wort ist schon so erfolgreich zerredet, verwässert und entfremdet worden, das es schon als peinlich gilt, es auszusprechen … es ist die allerletztes Bastion einer Wirklichkeit jenseits der materiellen Wahrnehmung, die uns über den tristen langweiligen und wertlosen Alltag erheben kann und doch immer seltener wird.
Es wird aber wohl nicht lange dauern, da wird man auch die Liebe der Menschen als gegenstandslos erklären, als wüste Verirrungen der Hirnchemie – und dann hat man, was man will: eine völlig lieblose und leblose Welt, die Krönung jeder materialistischen Philosophie. Und in dieser Welt wird Auschwitz Alltag und Völkermord zum Zeitvertreib. Nun, das mag schön sein, denn aus alten Zeiten ist die Kunde überliefert, das die Jagd auf Menschen die spannendste Jagd sein soll – nur leider ist sie gerade verpönt – aber das kann man ja ändern.
Es wundert nicht, das der rebellische ehemalige Economic Hitmen sich eine Heimat sucht, die religiös anmutet aber es nicht ist.
Warum es keine Religion ist? Nun, Religion redet über Gott, siehe Wikipedia:
Als Religion (lat: religio, zurückgeführt auf religere = immer wieder lesen; oder religare = zurückbinden) bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kulturellerPhänomene, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen. Es gibt keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition des Begriffs Religion.
Religiöse Weltanschauungen und Sinngebungssysteme stehen in langen Traditionen und beziehen sich zumeist auf übernatürliche Vorstellungen. So gehen viele, aber nicht alle Religionen von der Existenz eines oder mehrerer persönlicher oder unpersönlicher über-weltlicher Wesen (z. B. einer Gottheit oder von Geistern) oder Prinzipien (z. B. Dao, Dhamma) aus und machen Aussagen über die Herkunft und Zukunft des Menschen, etwa über das Nirvana oder Jenseits. Sehr viele Religionen weisen gemeinsame Elemente auf, wie die Kommunikation mit transzendenten Wesen im Rahmen von Heilslehren, Symbolsystemen, Kulten und Ritualen.
Perkins orientiert sich an schamanische Welten … und die reden mit Gott (wobei dieser Begriff hier äußerst unpassend ist), nicht über ihn. Eine ganz andere Baustelle, eine Wirklichkeit jenseits des Imperiums … und eine tödliche Wirklichkeit. Jener Ursprung aller religiösen Gefühle und priesterlichen Deutungsmuster über die Welt wird verfolgt und vernichtet – weltweit … vielleicht, weil es ein sicherer Hafen gegen die Gewalten des Imperiums ist. Ein Imperium, das weltumspannend ist, zwingt einen gerade dazu, sich eine Basis außerhalb zu suchen, von der aus man agieren kann … uns es funktioniert, selbst wenn diese Basis nur der Einbildung entspringen sollte. Es entspricht auch der Freiheit des Menschen, seine Welt zu deuten zu dürfen, wie er es möchte.
Wenn man aber nun gern in Gegensatzpaaren hegelianischer Geschichtsphilosophie denkt, so wäre ein Gegensatz zu Materialismus Liebe. Liebe zu Kindern, zur Heimat, zum Garten, zu alten, kranken und behinderten Menschen, zur Welt, zur Menschheit an sich und ihrer Zukunft. Liebe, nicht Sex. Das Grundsatz “Alles ist liebenswert” scheint mir auch zu sinnvolleren Lebensalternativen zu führen als der materialistische Grundsatz: ”Alles ist toter Matsch“. Aus letzterem wird … letztendlich nur Wüste, aber es ist die gelebte Philosophie der Kosmokraten (und das letztliche materielle Ergebnis ihres wirtschaftlichen Treibens: die Welt wird Müll).
Und auf einmal merkt man auch, welcher tieferer Sinn in Ritualen der Kosmokraten liegen könnte, die auffällig oft mit (kostenintensiven) Kindesmißbrauch in Verbindung gebracht werden: solche Rituale töten tiefste Empfindungen ab, die einen wiederum zu einem besseren rationalen Wesen machen, das seinen Job im Sinne der Korporatokratie (und im Sinne von Aufschwung, Vernunft und Fortschritt) noch besser machen kann.
Die US-Armee desensibilisiert ihre Soldaten ähnlich – was mitlerweile zu häßlichen Ausfallserscheinungen führt:
US-Soldaten sollen Zivilisten Körperteile abgeschnitten haben
Entsetzen in den USA: Amerikanische Soldaten sollen afghanische Zivilisten getötet und dann Körperteile als Trophäen mitgenommen haben. Ihnen drohen harte Strafen.
Quelle: Die Zeit
Lieblosigkeit hat halt ihren Preis – wie alles im Leben.
Insofern ist schon allein der Traum von der Schaffung einer liebevolleren Welt Widerstand gegen die Welt der Korporatokratie . Und die konkreten Schritte dazu? Gedanklich selbständig werden. Kinder können das gut. Die Frage “Warum ist das so“…. ist der erste Schritt zur Auflösung des Imperiums.
Darum kann es gar nicht genug Menschen geben, die Fragen stellen.
Und darum sind mir esoterische Träumer insgesamt lieber als nüchterne Parteifunktionäre – wenn ich denn unbedingt wählen muß.







































@nlyart: Liebe an sich ist mir ein zu ver- und mißbrauchter Begriff, aber zu der Negativformulierung “Lieblosigkeit” fällt den Menschen hoffentlich noch was ein, was denn das Gegenteil mal gewesen sein könnte. “Wertschätzung” ist ein Teil davon, wäre mir aber insgesamt zu passiv.
Posted by Eifelphilosoph | 17. Oktober 2010, 07:24statt liebe würde mir der begriff wertschätzung besser gefallen. liebe? welche art von? du redest wahrscheinlich von agape (http://de.wikipedia.org/wiki/Agape)
wertschätzung ist besser, denke ich
Posted by nlyart | 16. Oktober 2010, 19:59Na, dann ist doch alles in Ordnung. Wenn Darwin das alles schon gesagt hat: warum willst Du dann im Herbst noch die Massendemonstration initiieren? Das Du keine Religion brauchst, ist ja auch in Ordnung. Ist doch ein freies Land hier. Aber lasse sie denen, die sie wollen. Für viele ist Religio ein Grundbedürfnis.
Posted by Eifelphilosoph | 15. September 2010, 06:29@demokratie: Widersprüche sind auflösbar, aber die Welt ist kein Gewerkschaftsseminar. Darum ist sowas wie “solidarische Streitkultur” eine seltene Kulturblüte. Die meisten wollen lieber Bargeld. Und wie wäre es, du fängst damit erstmal selber an, anstatt inhaltslos herumzunörgeln? Wie wäre es, du überlegst erstmal, was Du anhand der Aussagen deines Gegenübers wirklich belegen kannst – und was inhaltslose Unterstellung ist. Ein Tip: bei letzterem liegst Du bei 90% – jedenfalls was mich betrifft.
Posted by Eifelphilosoph | 15. September 2010, 06:27@Klingelhella,
mit Geschwisterlichkeit ist es so wie du sagst.
Brüderlichkeit war einstmals eine kämpferische Parole der bürgerlichen Revolution; heute versteht man sie ehr als ethische Tugend. Da sie Verbundenheit ausdrücken soll, ist sie verwandt mit der Tugend der Solidarität.
http://de.wikipedia.org/wiki/Br%C3%BCderlichkeit#Aufkl.C3.A4rung_und_Menschenrechte
“die danach schreien, in einen gesamtzusammenhang eingeordnet oder irgendwie interpretiert zu werden”
Dieser Ansatz ist richtig.
“wenn das daraus resultierende bild finster ist, darf man gern auch ganz rational angst haben. schuld daran ist aber nicht der autor.”
Man darf klar Angst haben. Angst ist etwas Gutes. Sie ist Emotion und soll in Gefahrensituationen ein angemessenenes Verhalten einleiten wie zB eine Gefahrenabwehr oder simple Flucht.
Mir geht es nicht um Diskreditierung des Blogautors, sondern um die Warnung davor, dass eine Verschwörungstheorie zwar den Diskurs fördern kann, ihn jedoch emotional in einer Weise auflädt, dass sich bei Verschwörungsgläubigen ohne Zutun und Wollen des Blogautors deren angstgeladene Emotionalität gegen politische Gegner spontan und heftig entlädt. Ich bin seit Jahren politisch aktiv und bin manchmal baff, mit welcher Emotionalität Menschen auf politische Gegner reagieren, nur weil sie etwas glauben und den Gegener aufgrund ihres Glaubens dämonisieren. Straßenschlachten mit der Polizei haben wir, weil die Steinewerfer den Staat zurecht als ungerecht empfinden, aber die Polizei als Vertreter der Staatsmacht als etwas schlechtes und hassenswertes moralisieren, was sie aktiv bekämpfen müssen.
Und da wird man eben auch hellhörig, was den gesellschaftlichen Diskurs angeht.
Zumal unser Staat uns systemimmanente Möglichkeiten der Gegenwehr gegen Ungerechtigkeiten gibt (zB Gerichte, Demonstrationsrecht, Teilnahme am politischen System). Die sind nur mühselig.
Und um mit dem Begriff der Gerechtigkeit abzuschließen:
Gerechtigkeit ist eine Tugend. Aber eine schwer bestimmbare. Wir bestimmen sie durch die Gleichheit und die gesetzliche Allgemeinheit. Deswegen haben wir die Gleichheitsgrundrechte im Grundgesetz. Wir müssen sie nur vor den Behörden und Gerichten und von den Politikern einforden.
Den Lacherfolg hatte ich, weil wir alle wissen, dass Gerechtigkeit schwer bestimmbar ist und die Forderungen der FDP nach “Generationengerechtigkeit” Teil der Propaganda zur Schleifung des Sozialstaates ist.
Mein Rat ist: Kämpft geschwisterlich / solidarisch für eure demokratischen Rechte (Grundrechte) mit den dafür vorgesehenen Mitteln und laßt euch von den Machthabern nicht kirre machen.
Posted by demokratie | 14. September 2010, 23:02@demokratie:
[erklärbär on]
also wenn du schon gendern musst, dann heisst das ‘geschwisterlichkeit’
[erklärbär off]
allerdings ist fragwürdig, inwieweit hier gegendert werden sollte, da keine personen sondern etwas abstraktes (‘schwestersprache’, ‘vaterland’) gemeint ist.
“Er schürt keine irrationalen Ängste vermittels eines monokausalen Mythos.”
dazu wollte ich noch sagen, dass mE der autor hier keine ängste schürt oder einzelpersonen durch beschuldigungen diffamiert. es gibt aber belegbare und/oder bezeugbare tatsachen abseits der öffentlichen aufmerksamkeit, die danach schreien, in einen gesamtzusammenhang eingeordnet oder irgendwie interpretiert zu werden. wenn das daraus resultierende bild finster ist, darf man gern auch ganz rational angst haben. schuld daran ist aber nicht der autor.
BTW: ich habe wirklich noch keinen einzigen post vom eifel gelesen, wo er behauptet, jetzt der weisheit letzten schluss entdeckt zu haben und ergo die guillotine wieder in serie gehen lassen zu wollen.
Posted by Klingelhella | 14. September 2010, 16:37Mein Fazit ist, dass der Eifelphilosoph mit seiner Bewertung, dass “All jene dialektischen Kniffe, die Welt in Gegensatzpaare aufzuteilen, von denen eins richtig und eins falsch zu sein hat (so wie letztens hier aufgetaucht: Pragmatismus kontra Mystizismus) führen in letzter Konsequenz zum Konzentrationslager und Völkermord, weil sie eine ausschließliche Wahrheit gegen eine absolute Falschheit mit allen Mitteln verteidigen müssen.” dem typischen Irrtum aufgesessen ist.
Wer die Gegenpole eines Widerspruchs in richtig und falsch einteilt, moralisiert willkürlich über deren Charakter und kategorisiert sie damit willkürlich.
Indem der Eifelphilosoph den Eindruck erweckt, Widersprüche wären generell nicht auflösbar, erliegt er einem metaphysischen Grundirrtum. Widersprüche sind vermittels einer solidarischen Streitkultur ohne Repression wandel- und auflösbar.
Ohne eine solche solidarische Streitkultur käme man tatsächlich in Teufels Küche.
Posted by demokratie | 14. September 2010, 14:36Was das Scheitern der UdSSR angeht sehe ich aber ebenfalls die Zersetzung der Moral als wesentliche Ursache. Selbstsucht, Geltungsdrang und Karrierismus prägten diese Gesellschaft anstatt Solidarität vermittels Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit.
Posted by demokratie | 14. September 2010, 13:50“Hitler war ein Pragmatiker. Stalin auch. Ebenso Edgar Hoover. Bush. Saddam Hussein. Eigentlich könnte man sogar sagen: alle Kriminellen sind Pragmatiker, denn zum ethischen und moralischen Handeln braucht man mindestens Idealismus wenn nicht sogar Religion.”
Also ich brauche keine Religion, um die Menschenrechte zu achten und Menschen würdig zu behandeln. Eine solidarische Moral, gelebte Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit reicht mir, um das Sittengesetz zu achten.
Naja … und Darwin holte halt das Sittengesetz entgültig aus der göttlichen Sphäre hinab in die materielle Wirklichkeit.
Ob das dem Eifelphilosophen gefällt oder nicht – ist unerheblich.
Posted by demokratie | 14. September 2010, 13:00@Eifelphilosoph,
scheint als hätte ich ins Schwarze getroffen. Deine Beißreflexe indizieren es.
“Und was den Kriminalisten betrifft … er brandmarkt den Täter schon. Auch den falschen. Er lädt ihn vor, besucht ihn – der Verdacht ist ganz öffentlich. Der Schaden auch.”
Also, ich hatte letztens eine Vorladung bei der Polizei. Die kam in einem verschlossenen Umschlag in meinen Briefkasten. Da ich keinem was davon erzählt habe, war ich auch nicht stigmatisiert. Auch nicht durch den vorangehenden Besuch der Polizeistreife, denn die haben nur mit mir unter vier Augen gesprochen.
Der Kriminaler spricht nicht in der breiten Öffentlichkeit über seinen Verdacht, sondern nur mit den Betroffenen und den Zeugen. Und er veröffentlich nicht einfach seine Thesen im Internet.
Es gibt aber noch einen Unterschied zwischen dir und dem Kriminaler:
Er schürt keine irrationalen Ängste vermittels eines monokausalen Mythos.
Posted by demokratie | 14. September 2010, 12:45@Klingelhella: ich denke, die verlieren schon an Macht, wenn ihre Umtriebe öffentlich werden. Irgendwann … geht keiner mehr hin, weil – ganz nach Jean Ziegler – die Schande zu groß ist. Und irgendwann macht auch keiner mehr mit, weil er merkt, das er zuerst selber Mensch ist … und erst dann irgendwas anderes.
Oder aber … wir werden Mars. Wäre auch denkbar.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 17:45@demokratie: also sind “Deine” Linken linker als “meine” Linken? Toll! Wird man für solche Gags bezahlt?
Und was den Kriminalisten betrifft … er brandmarkt den Täter schon. Auch den falschen. Er lädt ihn vor, besucht ihn – der Verdacht ist ganz öffentlich. Der Schaden auch.
Darwins Leistung im Bereich der Philosophie kann ich nicht erkennen, auch nicht im Bereich der Soziologie – und erst recht nicht im Bereich der Gesellschaft. Und das ist wohl auch gut so.
Hitler war ein Pragmatiker. Stalin auch. Ebenso Edgar Hoover. Bush. Saddam Hussein. Eigentlich könnte man sogar sagen: alle Kriminellen sind Pragmatiker, denn zum ethischen und moralischen Handeln braucht man mindestens Idealismus wenn nicht sogar Religion.
Hast Du noch so ein paar Knaller auf Lager?
Vielleicht könnte man sogar sagen, das alle Pragmatiker kriminell sind – aber auf jeden Fall sollte man sie unter Beobachtung halten. Die Wahrhscheinlichkeit, das sie mit ihrem Pragmatismus irgendwann mal skrupellos menschenfeindlichen Werten folgen, ist recht hoch.
Ich hoffe, Du verwirrst die Hirne der Linken nicht mit noch mehr Kampfbegriffen der Unvernunft?
Kant wußte, das es keinem Naturwissenschaftler gelingen kann, seine Thesen durch Beobachtung zu verifizieren. Hast Du noch mehr Themen, von denen Du keine Ahnung hast zu denen Du Dich aber schon unbedingt mal äußern wolltest?
Wie wäre es, Du eröffnest einen eigenen Blog? Kommentare werden hier kaum gelesen.
So ein Darwin/Marx-Gedächtnisblog für Freunde des 19. Jahrhunderts. Wir hier … haben andere Probleme. Echte Probleme.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 17:39@demokratie:
Vielleicht geht es gar nicht um Entmachtung. Vielleicht eher darum, dass die Menschen generell die spirituelle Ebene ihrer Existenz zurückerobern… dass den Menschen bewußt wird, dass es so etwas gibt, was es gibt, was praktiziert wird. Wie genau und ob diese Rituale überhaupt Wirkung entfalten, sei dabei mal dahingestellt. Im harmlosesten Falle bereiten Rituale die Teilnehmer innerlich darauf vor, in eine bestimmte Richtung zu gehen, sie programmieren sich durch ritualisierte Handlungen sozusagen selbst, indem sie die Bedeutung der Handlung verinnerlichen. Im erweiterten Fall wäre alles Mögliche möglich, davon hab ich dann momentan keine Ahnung. Trotzdem kann man anhand der Rituale schon erkennen, in welche Richtung diese Leute ticken oder ticken möchten.
Andererseits ist auch klar, dass es noch nie einen Kulturkreis auf dieser Erde ganz ohne irgendeine Art von spirituellen Vorstellungen oder Handlungen gegeben hat. Mit spirituell wacheren Menschen ist tendenziell auch ein KZ schwieriger zu errichten… aber dazu reicht auch, das Gebot der Nächstenliebe zu verinnerlichen.
Und klar: die Amis müssen irgendwie ihr eigenes Haus in Ordnung bekommen, und wir unseres. Wir können uns wohl helfen, immerhin haben wir sowas wie das Internetz, allein schon die Kommunikation mit “normalen” Menschen hilft dabei zu sehen, dass der “Iwan” nicht so ist wie die Apparatschiks in Moskau oder der Ami nicht so wie Georg Doppel-Juh Busch und seine Junta, der Israeli nicht so wie der durchgeknallte Lieberman.
Ansonsten, demokratie: du schreibst ja wirklich viel und interessantes… wie wär’s mit einem eigenen Blog
?
Posted by Klingelhella | 13. September 2010, 17:34Mein Plan zu ihrer Entmachtung? Warum sollte ich das tun? Sind doch alle glücklich und zufrieden damit. Ich mache hier nur meinen Job, was ihr da draußen damit anfangt, ist Eure Sache, nicht meine.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 17:27“Und die “Cremation of Care” mit solchen Inhalten zu verbinden … führt wahrscheinlich in die richtige Richtung um zu zeigen, “wie die ticken”. Da wird es dann sehr unheimlich.”
Unterstellen wir mal, du wüßtest nun “wie die ticken” und hättest alle ihre Geheimnisse lüften können. Was ist dein Plan zu ihrer Entmachtung? Hast du hoheitliche Befugnisse in den USA? Oder vertrauen wir da nicht einfach auf die amerikanische Wahrheitsbewegung und deren Ermittlungsergebnisse?
Posted by demokratie | 13. September 2010, 13:30@Eifelphilosoph,
ich habe am Wochendene ein kurzes Referat bei den Linken gehalten. Insoweit läuft deine Argumentation ins Leere und mit dem Begriff “Generationengerchtigkeit” hatte ich die Lacher auf meiner Seite.
Die Franktion DIE LINKE erfährt übrigens für ihre Forderungen nach “Gerechtigkeit” innerhalb der Linken auch viel Kritik. Dein Fehler liegt darin, dass du die Positionen der Fraktion DIE LINKE zur einzigen weltanschaulichen Strömung unter Leugnung des Pluralismus innerhalb der politischen Linken stilisierst. Wohl, weil du sie zu Stellvertretern einer weltanschaulichen Strömung idealisierst.
“Damit der Kriminaler eine Hypothese vor Gericht bringen kann, muß er sie erstmal erstellen, oder?”
Schon … aber er brandmarkt den falschen Täter nicht in aller Öffentlichkeit, indem seine Hypothesen ohne Nachweis veröffentlicht.
“Als Rationlist waren ihm die Schwächen und die Willkürlichkeit von “Beobachtung” bekannt – siehe Kategorienlehre.”
Mal abgehen davon, dass die “vernünftigen” Menschen gerade schweren Schaden an unserem Gemeinwesen anrichten … dann ist es doch eine Leistung, dass Darwin -entgegen deiner ursprünglichen Behauptung- Kants kategorischen Imperativ mit seiner schwachen und willkürlichen Methode in die Welt des Materialismus eingeführt hat?
Ich denke, Kant würde sich darüber freuen, dass es einem Naturwissenschaftler gelungen ist, seine Thesen durch Beobachtungen zu belegen.
“umso wenige reicht er aus, um Gegensatzpaar zu Pragmatismus zu werden”
Das Gütesiegel des Pragmatikers ist wohl seine Erhabenheit über den weltanschaulichen Streit; das Gütesiegel des Anhängers einer religiösen oder esoterischen Sekte scheint mir die Weltanschauung dieser Sekte zu sein.
Der eine denkt und handelt bewußt ohne Weltanschauung, der andere bewußt aufgrund einer Weltanschauung?
Aber in der Tat betet der Pragmatiker Nützlichkeit, Erfolg und Vorteil an. Religiöse und esoterische Sektierer sakralisieren die materielle Welt; eine verständliche Gegenbewegung gegen die Entzauberung der Welt durch den Materialismus.
Posted by demokratie | 13. September 2010, 12:29@demokratie: ich weiß, umso wenige reicht er aus, um Gegensatzpaar zu Pragmatismus zu werden. Ich hatte freundlicherweise darüber hinweggesehen.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 06:42@demokratie: langsam wird es Kokolores – aber wird es immer, wenn man versucht, Unhaltbares zu halten
Damit der Kriminaler eine Hypothese vor Gericht bringen kann, muß er sie erstmal erstellen, oder? Und im Stadium der Erstellung ist sie reine Theorie.
Seine unbewiesenen Hypothesen mögen irgendwo schlummern, was aber nicht heißt, das es kein Verbrechen gab. Er hatte nur
a) den falschen Täter oder
b) einen bestochenen Richter
c) nicht genügend überlebende Zeugen
d) schlampig bei der Beweisführung gearbeitet.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 06:39@Klingelhella …. na ja, am Sonntag sollte das mal erlaubt sein. Und die “Cremation of Care” mit solchen Inhalten zu verbinden … führt wahrscheinlich in die richtige Richtung um zu zeigen, “wie die ticken”. Da wird es dann sehr unheimlich.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 06:35Kant kategorischer Imperativ braucht nur Vernunft zu Gültigkeit, keine Beobachtungen. Als Rationlist waren ihm die Schwächen und die Willkürlichkeit von “Beobachtung” bekannt – siehe Kategorienlehre.
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 06:33@demokratie: vielleicht solltest Du erstmal mit Linken reden, bevor Du für sie sprichst, denn die sehen das anders:
FRAKTION DIE LINKE
Krise bekämpfen, Gerechtigkeit und Gute Arbeit durchsetzen
http://www.linksfraktion.de/nachrichten/krise-bekaempfen-gerechtigkeit-gute-arbeit-durchsetzen/
Posted by Eifelphilosoph | 13. September 2010, 06:31@demokratie
Schon klar, denn heise-Artikel hatte ich auch gelesen. Im Zusammenhang: die Straftat 9/11 wird und wird einfach nicht aufgeklärt, weil dies von offizieller Seite blockiert wird. Wer dann versucht, sich dieses unfaßbare Ereignis irgendwie selbst zu beantworten, wird schon zu Beginn seiner Überlegungen abgekanzelt, weil die herrschende Meinung infrage gestellt wird. Darauf wollte ich hinaus.
Verschwörungen im Kaninchenzüchterverein oder der Grundschulklasse 4a sind mir auch egal, damit werden schließlich keine Angriffskriege oder ein Polizeistaat begründet. Trotzdem funktionieren sie dem selben psychologischen Muster, im Kleinen wie im Großen. Böse sind sie an sich nicht, nur menschlich, würde ich also sagen.
Was bei 9/11 abschreckt, ist wohl der Abgrund, der sich auftut, wenn man (verschworenen) staatlichen Stellen eine Mitbeteiligung nachweisen könnte. Da würde bei manchen Menschen die Demokratiesimulation im Kopf platzen und man könnte nicht mehr so unbedarft den Mediamarkt leerkaufen. Deswegen wollen viele Mitmenschen davon einfach nix hören.
Posted by Klingelhella | 12. September 2010, 22:58Und Mystiszismus ist auch nicht gleichbeutend mit dem Begriff Mystik.
http://de.wikipedia.org/wiki/Mystizismus
Posted by demokratie | 12. September 2010, 21:24@Klingelhalla,
“Jeder noch so schwammige Versuch der eigenen Beantwortung aufgetauchter Fragen ist sofort “Verschwörungstheorie”
Was Böses ist das aber nur, wenn man es selbst negativ konnotiert oder andere es zu etwas Bösem moralisieren.
Verschwörungshypothesen sind nix böses … sie dienen der Aufklärung, befinden sich aber immer im Spannungsfeld zwischen gerechtfertigter Aufklärung und ungerechtfertigter Beschädigung des Ansehens anderer bzw von Institutionen.
Des Kriminalers unbewiesene Hypothesen schlummern deswegen als Märchen ihren ewigen Schlaf bei den Strafakten, seine nachgewiesenen Hypothesen werden in einer öffentlichen Hauptverhandlung als Vergehen oder Verbrechen vor Gericht auf den Gehalt der Beweisführung überprüft.
Und unbewiesene Verschwörungstheorien sind die Erzählungen, die über den Zustand eines netten Mythos nie hinausgekommen sind.
Heise hat das Thema gestern umfassend aufgegriffen:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33275/1.html
Posted by demokratie | 12. September 2010, 21:05@Eifelphilosoph,
“Der Dialektiker selbst (bzw. manche von ihnen) können vielleicht friedlich bleiben – aber können es auch die, die ihren Denkmustern folgen?”
Die können es. Die leben unter uns und beweisen täglich, dass sie friedlich sind. Denn sie haben gelernt, dass der gesellschaftliche Diskurs über Antagonismen stets nicht-antagonistische Elemente enthält und zur Lösung der Konflikte eine friedliche Streitkultur entwickelt.
Die von dir genannten Begriffe Marxismus, Darwinismus und Gerechtigkeit sieht die Linke als politische Kampfbegriffe der herrschenden Klasse an, und wird sich niemals über diese definieren. Gerade über den Begriff “Gerechtigkeit” wirst du Lachstürme bei den Linken auslösen, da dieser Begriff Willkür Tür und Tor öffnet. Er ist ehr ein Begriff derjenigen, die sie sich einen gerechten König wünschen.
Solidarität ist der einzige Begriff, über den Linke mit dir diskutieren würden. Der ist aber keine Rechtfertigung der Linken, sondern sie ist ein Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens und damit eine Tugend und umfaßt Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit. Dieses Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens schlägt die Linke dem Individualismus der heutigen Gesellschaft als Gegenmodell vor. Ist man Bruder bzw Schwester der anderen Menschen, dann verhält man sich so, dass man die Gegensätze friedlich auflöst.
Da gibt es keine Spur von wir benutzen den Begriff zur Legitimierung. Nur ein Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens.
“Selbstlosigkeit und Aufopferungsbereitschaft als etwas “Religiöses” zu deuten, verkürzt den Religionsbegriff enorm”
Deswegen schrieb ich auch: “Auch der Revolutionär hat was religiöses.”
“Aber Mystik und Verschwörungstheorien sind Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben. Verschwörungen sind ein Verbrechen, kein mystisches Erlebnis.”
Verschwörungen gibt es. Zum Verbrechen werden sie, wenn sie strafrechtliche Verbrechenstatbestände erfüllen, ansonsten sind sie ein Vergehen oder es bleibt bei einer straflosen Verletzung moralischer Pflichten. Aufstellen von Hypothesen anhand von tatsächlichen Ereignissen ist wünschenswert, die Arbeit des Verschwörungstheoretikers aber erst mit Bravour vollendet, wenn er die Beweise für seine Hypothesen liefert.
Bleiben die Hypothesen unbewiesen, dann handelt es sich um eine erzählerische Verknüpfung von Ereignissen, einem Mythos, eine sagenhafte Geschichte also.
Posted by demokratie | 12. September 2010, 20:46@Eifelphilosph,
“doch reicht sein Lehrsatz nicht zum sittlichen Leitsatz der Menschheit”
Das bestreite ich. Darwin leitet aus den sozialen Instinkten die Gültigkeit des Kantschen kategorischen Imperativs für die Menschheit ab und zitiert ihn sogar (vgl. Darwin, “Die Abstammung des Menschen”, I. Band, Kap. 4, S. 141).
Willkürlich waren Darwins Setzungen nicht, denn sie waren Resultat seiner Beobachtungen.
Posted by demokratie | 12. September 2010, 19:41Heute ist Sonntag – und der Eifel ist ganz nah an die Botschaft Jesu gekommen
Der hat im Prinzip schon vor 2000 Jahren gewusst, dass sich das Himmelreich auf Erden errichten lässt… und wie es geht. He he, da musste ich doch schmunzeln.
Abgesehen davon stimme ich tatsächlich 100% überein. Die Liebe zur Erde, zur Sonne, zu den Mitmenschen und Tieren abzutöten, das Mitgefühl zu verbrennen (“cremation of care”) usw zu alldem kann man klar dieselbe gedankliche Wurzel finden und die auch die Maxime: die Welt ist Matsch – dem ich Form geben und meinen Willen aufzwingen kann. In gewissen Glaubensrichtungen müsste man dafür nur “seine Seele dem Teufel verkaufen”, dann wäre man innerlich bereit, sich so an der Schöpfung zu vergehen. Na ja… ist alles erstmal nur in die Tüte gedacht.
Die Neugier und das Stellen von Fragen ist allerdings zur Frustration geworden. Es donnert einem Schweigen entgegen oder der Ratschlag, doch stattdessen einfach beim Mediamarkt shoppen oder sich einmal zusaufen zu gehen. Jeder noch so schwammige Versuch der eigenen Beantwortung aufgetauchter Fragen ist sofort “Verschwörungstheorie”. Dabei hätte doch der Kant gewollt, dass man sich seines Verstandes ohne Anleitung bedient… oder?
Posted by Klingelhella | 12. September 2010, 17:45@demokratie Selbstlosigkeit und Aufopferungsbereitschaft als etwas “Religiöses” zu deuten, verkürzt den Religionsbegriff enorm. Hier greift der religiöse Terminus nicht, weil er weil er vermengt wird mit soziologischen Kategorien. Beide sind gedanklich scharf zu trennen in Bezug auf Politik, nicht jedoch in Bezug auf Religionssoziologie. “Angebetet” wird von Linken höchstens ein Begriff (“Gerechtigkeit”, “Solidarität”, “Marxismus”, “Darwinismus”), von dem man sich Legitimität erhofft, von “Rechten” eher die Macht (in diversen Ausprägungen) von der man sich Schutz erhofft, von Revolutionären die Gewalt, von der man sich als solches Erlösung erhofft.
Posted by Eifelphilosoph | 12. September 2010, 17:02@demokratie: die Vergötterung von Darwin in allen Ehren, doch reicht sein Lehrsatz nicht zum sittlichen Leitsatz der Menschheit, noch können seine altertümlichen Hypothesen Grundlage eines sittlich-moralischen Diskurses werden. “Soziale Triebe” sind willkürliche Setzungen, keine definierbaren Tatsachen – hier zeigt die “Ästhetik” der griechischen Philosophie schon eine Dimension auf, die Darwin kaum erfassen konnte. Sowohl Marx als auch Mao sind an der Lösung des Phänomens ebenfalls gescheitert, was man ihnen nicht vorwerfen kann: ihr Horizont war ein anderer.
Posted by Eifelphilosoph | 12. September 2010, 16:55@demokratie: nun, ich tue gerne Dinge, von denen ich nichts weiß. Aber Mystik und Verschwörungstheorien sind Begriffe, die nichts miteinander zu tun haben. Verschwörungen sind ein Verbrechen, kein mystisches Erlebnis.
Posted by Eifelphilosoph | 12. September 2010, 16:51@Demokratie: darum schrieb ich ja: in letzter Konsequenz. Der Dialektiker selbst (bzw. manche von ihnen) können vielleicht friedlich bleiben – aber können es auch die, die ihren Denkmustern folgen?
Posted by Eifelphilosoph | 12. September 2010, 16:50Oder kurz:
Eine ökonomische Spaltung der Gesellschaft eine schmale Klasse Superreicher (herrschende Klasse) und eine breite Klasse der wenig bis gar nichts Besitzenden können (Arbeiterklasse) wir schlechterdings nicht leugnen.
“Ultralinke”, die die (blutige) Revolution am besten schon vergestern alleine gemacht hätten, begehen den Fehler, die “herrschende Klasse” als etwas bitterböses und die “Arbeiterklasse” als etwas per se gutes zu moralisieren und beten die (blutige) Revolution. Daher fragen sie sich auch ständig, warum “das Volk” nicht zu den Waffen greift und zum Götzen der Erlösung erstarrten Bürgerkrieg macht. Das ist widernatürlich und teuflisch.
“Ultrarechte” moralisieren die “Arbeiterklasse”, also die Habenichtse zu etwas bitterbösen, das sie unterdrücken müssen. Sie beten den Frieden mittels barbarischer Unterdrückung an und werden zu SS-Schergen.
Die gesellschaftliche Mitte leugnet, dass die Herrschende Klasse historisch immer wieder (lt Marx aufgrund ökonomischer Zwänge, die Weltwirtschaftskrisen auslösen) die Lebensbedingungen der Menschen so verschlechterte, dass die Menschen aufgrund ihres Überlebenstriebes mit den Herrschenden nicht mehr leben konnte und deswegen zum Kampf ums Überleben in Form einer Revoltion gezwungen wird. Damit betet die Mitte die gesellschaftliche Evolution als Götzen an.
Hat alles religiöse Züge … alle beten was an. Auch der Revolutionär hat was religiöses: Er ist selbstlos und aufopferungsbereit (kritisiert daher Karrierismus und Machtstreben und polemisiert gegen Karrieristen und selbstverliebte Machthaber).
Er widmet sein Leben primär der gesellschaftlichen Evolution; blendet aber die Möglichkeit einer Revolution und ihrer Handhabung nicht generell aus (weiß aber, daß ihr Stattfinden/Nichtstattfinden von oben oktroiert wird) und wendet sich gegen die Unterdrückung des Volkes zB durch ultrarechte und ultralinke Sekten (Faschisten und Blanquisten zum Beispiel).
Posted by demokratie | 12. September 2010, 13:51“Wenn man aber nun gern in Gegensatzpaaren hegelianischer Geschichtsphilosophie denkt, so wäre ein Gegensatz zu Materialismus Liebe.”
Nicht wirklich. Gehen wir nach Darwin, dann haben wir zwei mächtige soziale Triebe: Sympathie und Liebe. Leben wir in unserer materialistischen Welt sympathie- und lieblos, dann leben wir widernatürlich und sollten zu einer natürlichen, sympathischen und liebevollen Lebensweise zurückkehren.
In einer solidarischen Kultur haben Liebe und Sympathie zu anderen Menschen im Prozeß der Veränderung der Welt einen Platz.
Kritik an der Religion ist heute sachliche Kritik, da wo sie über ihren humanistischen Kern hinaus Beherrschungsstrukturen zB patriarchalischer Natur aufbaut, die ja jedwedem Humanismus widersprechen. Und da haben wir den eigentlichen Widerspruch: Nicht der liebevolle Umgang der Christen mit der Umwelt ist es, sondern menschenfeindliche Herrschaftsstrukturen sind es, die der Dialektiker kritisiert.
Posted by demokratie | 12. September 2010, 12:43PS: Mein Bestreben nach Auflösung des Widerspruchspaares Pragmatismus und Mystik mit dem Wort als Waffe war auch der Grund, warum ich die Gefahren der Mystik in Form der Verschwörungstheorien aufgezeigt und einige Dinge an den Texten des Eifelphilosph kritisiert habe. So löst man Widersprüche mit Hilfe einer solidarischen Streitkulur mit der höchst scharfen Waffe des Wortes auf.
Mit der Mehrzahl seiner Texte tut der Eifelphilosoph durch seine Gesellschaftskritik ja auch nichts anderes, auch wenn er sich dessen nicht bewußt ist.
Posted by demokratie | 12. September 2010, 12:10“All jene dialektischen Kniffe, die Welt in Gegensatzpaare aufzuteilen, von denen eins richtig und eins falsch zu sein hat (so wie letztens hier aufgetaucht: Pragmatismus kontra Mystizismus) führen in letzter Konsequenz zum Konzentrationslager und Völkermord, weil sie eine ausschließliche Wahrheit gegen eine absolute Falschheit mit allen Mitteln verteidigen müssen.”
Diese Gefahr besteht durchaus, denn die Dialektik verleitet zum schwarz-weiß Denken. Im Kern ist sie aber nur Erkenntnismethode, um die gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse zu modellieren und aus dem Modell verlässliche Vorhersagen gewinnen zu können.
Kern der Dialektik ist nicht die Vernichtung (Marx gab uns den Auftrag, die Natur nicht nur zu erhalten, sondern die Welt zu Lebzeiten wohnlicher wohnlicher zu machen, nicht sie zu verwüsten und Menschen in Massen zu vernichten).
An dieser Stelle greift aber auch die Kritik vom Eifelphilosophen etwas zu kurz, denn sie bleibt im Metaphysischen und setzt voraus, der Dialektiker könne nun nicht anders, als die erkannten Bösen zu meucheln. Der geübte Dialektiker kann aber anders … er moralisiert nämlich in die Pole der Widersprüche nichts Böses negatives hinein und läßt sie eben nicht zur absolut antagonistischen Salzsäule erstarren, die er dann mit Mord und Totschlag einreißen muß.
Der Dialektiker erkennt die nicht-antagonistischen Momente in den Gegensatzpaaren, greift sie quasi beim Schopf und löst sie durch Anwendung einer zutiefst demokratischen und friedlichen und moralisch einwandfreien Streitkultur auf. “Waffe” ist dabei das Wort in Form von sachlicher und nicht-ätzender Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen, in Form von Polemik um ein Umdenken der Menschen zu bewirken. “Waffe” ist der Widerstand durch Demonstration und Streik, da wo Konfrontation unausweichlich ist, um den Kosmokraten die Grenzen ihrer Macht aufzuzeigen (wie zB bei Stuttgart 21).
Das Herzstück der Veränderung der Welt ist nicht das Schwert, sondern die solidarische Streikultur mit dem Wort als Hauptwaffe.
Man darf aber auch nicht leugnen, dass es in der Geschichte immer wieder zu Volksaufständen gekommen ist … die Reihe derer ist lang … die Ursachen sind eindeutig: Die Herrschenden haben die Lebensbedingungen der Menschen unnachgiebig so verschlechtert, dass die Menschen damit nicht mehr leben konnten. Aber das hat auch nichts mit gut und böse zu tun, sondern schlicht mit dem natürlichen Überlebenstrieb.
Posted by demokratie | 12. September 2010, 12:00